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Presse über den Jakobweg
Wo Europa sein Ziel fand: Santiago de Compostela
von Paul Badde, FAZ Magazin vom 13.12.1991
Wollte man alle Orte markieren, wo die Wege
zum Grab Jakobs ihren Anfang nahmen, gliche Europas Landkarte einer
Milchstrasse. An ihrem gemeinsamen Ende gleicht Santiago de Compostela
im Westen Galiciens einem Tresor, einem silbernen Schrein der Erinnerung.
"Dreh dich um, Europa! Kehr um und begegne
dir." - Aber wie kann sich ein Erdteil denn drehen? Ich nehme den
Strohhalm aus meinem Mund, lese den flehenden Aufruf noch einmal,
schüttle den Kopf und drehe mich wieder zu dem silbernen Sarg
um, vor dem die Bronzetafel angeschraubt wurde. Da liegt er also.
Jakob, Santiago. Ein paar Kerzen flackern am Ziel der Reise, kein
Kreuz, sondern ein getriebener Stern leuchtet blass in der schwarzen
Marmornische über dem Sarkophag des Apostels. Zwei Muscheln
vom Ende der Welt bedecken den Schrein. Das einzige Geräusche
hier unten ist der eigene Herzschlag, der eigene Atem. Alle Jakobswege
Europas enden in diesem Haus, in diesem Keller, vor diesem Sarg.
Hier ist der innerste Kern der Stadt; es gibt sie nur dieses Grabes
wegen.
Ein paar abgetretene Stufen führen aus dem Dämmerlicht
der Krypta zurück in die Basilika. Gleissendes Licht taucht
ihr Inneres gerade vom Hauptportal her in ein spätes goldenes
Flimmern: Abend in Santiago de Compostela. In einem Beichtstuhl
liest ein alter Priester mit einer Lupe in der Heiligen Schrift.
Keiner will sich heute mehr von ihm die Sünden vergeben lassen.
Touristengruppen aus fünf, sechs Ländern schieben sich
aneinander vorbei durch die Basilika. Frauen mit Einkaufsnetzen
wechseln vom Platz der Silberschmiede quer durch die Kirche zum
Platz der Unbefleckten oder zum Obradorio-Platz. Am Glockenportal
stimmt eine Gruppe deutscher Rentner-Pilger mit ihrem greisen Pfarrer
ein zitterndes "Te Deum" an. Ich ziehe die Schultern hoch und lasse
den Blick durch die Höhe streifen. Da oben begannen die steinernen
Figuren der Romantik erstmals zu lächeln. Damals schauten sie
hier in ein neues Zeitalter hinein: in Europas Zukunft, bevor sie
unsere Vergangenheit wurde. Wohin mögen sie jetzt nur blicken?
Licht und Schatten umspielen ihre Mienen und Gewänder. Draussen
muss ich die Hand vor die Augen halten, als ich durch das Portal
auf den Balkon der Freitreppe trete. Am Fuss der Treppe schützt
sogar einer der steinernen Wächter neben mir seinen Augen mit
der Hand vor der blendenden Abendsonne. Das Licht der Ozeane spiegelt
sich im Himmel. Ich gehe quer über den Platz, rechts hinüber
zu der Steinbank, auf der ich hier abends immer sitze.
"Heiliger Jacobus", "Sant Jago" - was für ein Name für
eine Stadt. Längst füllt ihre Geschichte Bibliotheken.
Millionenstädte werden nach dieser Kleinstadt in Galicien benannt,
von Santiago de Chile bis Santiago de Cuba, von der Neuen Welt bis
zu den Philippinen, fünfhundertfünfundzwanzig andere Städte
trugen ihren Ruhm um die Welt. Was wir von Jakob wissen, füllt
dagegen immer noch gerade nur ein paar Zeilen. Er war Fischer aus
Galiläa: Jaakov, der seinen Vater bei den Netzen sitzen liess,
um jenem vorbeiziehenden Mann zu folgen, von dem er glaubte, dass
er König der Juden werden würde. Auch Jochanan, sein Bruder
ging damals mit. Auf dem Weg nach Jerusalem war ihre grösste
Sorge, ob sie wohl auch zur Rechten und zur Linken dieses Königs
zu sitzen kommen würden. Im Garten Gethsemane sehen wir die
beiden schlafen. Unter dem Kreuz sehen wir Jakob gar nicht. Er hatte
das Weite gesucht, als er sah, wie die Plätze zur Rechten und
zur Linken ihres Königs aussahen. Das ist fast schon alles,
was wir über ihn wissen.
Auch später sehen wir ihn fast nie unter einem Kreuz. Da oben
zum Beispiel, in den drei offenen Toren, aus denen er dreimal nach
Westen schaut, sehen wir um ihn herum wieder nur die gekreuzten
Degen des Santiago-Ordens, den Stern und die Muscheln, an denen
er sich immer identifizieren lässt: also mit Sinnbildern des
Kampfes, der Orientierung und der Pilgerfahrt.
Zahlreich wie der Sand am Meer ist die Heerschar derer, auf die
er von da oben schon geschaut hat. Es ist ein Wendepunkt Europas.
Nationen haben hier zu seinen Füssen kehrtgemacht, in einer
wahren Völkerwanderung, in einer Prozession durch die Jahrhunderte.
Aus allen Schichten kamen Männer und Frauen hierher, die nichts
als ihr Glaube einte. Von hier kommend, kehrten sie wieder dahin
zurück, wohin sie gehörten: Könige und Kapitalverbrecher,
Gauner und "Ehrenmänner", Gesunde und Kranke, Huren und "Heilige",
Vernünftige und Verrückte, früher Millionen von Pilgern,
heute Millionen von Touristen.
Doch nun mischt sich seit einigen Jahren auch wieder ein zartes
Rinnsal von Pilgern in den Strom der Besucher. In diesem Jahr waren
sogar erstmals mehr Deutsche unter ihnen als Gläubige aus irgendeiner
anderen Nation. Wie ehedem kommen sie zu Fuss, zu Pferd oder, moderner,
auch zu Fahrrad - in einer völlig andere Welt. Darum sind es
jetzt völlig andere Pilger: einsame Fromme, jugendliche Extremisten,
Sinnsucher auf Abenteuerreisen, Jubilare, die sich einen alten Traum
erfüllen, Künstler auf Selbsterfahrungserkundungen, Therapie-Pilger,
Schatzsucher, Messnerianer ("Nach Santiago ohne Sauerstoff!"), Mesmerianer
- die jetzt zusammen eigentlich nur noch eines eint: die Zeit, die
sie übrig haben.
Der Weg ist weit nach Santiago. Auch von den Pilgern wir heute der
Rückweg darum meistens mit dem Zug genommen oder mit dem Flugzeug.
Kostbare Zeit!
Jetzt kriecht der Schatten des Rathauses wieder langsam über
den belebten Platz auf das Kathedralenmassiv zu. Bemoost wie die
Ruinen der Maya wachsen die Türme in die Höhe. Die blühenden
Steine Santiagos! Flechten umranken die Galerien, Gestrüpp
wuchert wie Schmuck aus den rostigen Balkonen hervor, ein gelber
Pilz überzieht die Steinquader, violette Blumen wiegen sich
im Wind, die nur in diesem Gemäuer zu gedeihen scheinen, niemals
in der Erde. Die Luft riecht nach Salz, der Wind schmeckt nach Meer.
Es ist eine Stadt für Betrachtungen, nicht für Reportagen.
Sie gibt Historie im Überfluss, aber keine Story her. Gestern
hat es in der Stadt einen der sehr seltenen Morde gegeben, draussen
in der Vorstadt, mit dem Messer, ein Eifersuchtsdrama. Und natürlich
gibt es auch hier so etwas wie eine galicische Befreiungsfront,
aber wenn sie einmal eine Bombe zu zünden versuchen, sprengt
sich - wie letztes Jahr in einer der Bars der Stadt - der arme Attentäter
gleich selbst in die Luft. Das Leben scheint nirgendwo undramatischer.
Hinter mir heben sich die Konturen der Hügel Galiciens aus
der klaren Dämmerung am Horizont. Endlich angekommen. Keine
Stadt unterwegs war schöner. Aber wie Europa ist, weiss ich
hier vielleicht weniger als irgendwo sonst. Der Kontinent wälzt
sich um, das Unterste gerät nach oben, was oben war, ist gestürzt.
Der Eiserne Vorhang hat sich gehoben. Gespannt wie bei einer Premiere
lehnen sich die Menschen des Westens in ihren Fernsehsesseln zurück,
und was sehen sie? Eine fürchterliche Leere gerät in ihren
Blick, leer und weit wie die hügellosen Weiten Russlands. Abgründe
tun sich auf. Hier aber hat sich nichts geändert, seit ich
diesen Platz kenne.
Drückt Santiago also vielleicht gar nichts mehr von Europa
aus? Das Nichts? Das Unglaubliche? Die Legende, wie die Stadt entstand,
geht so: Ein Stern blieb über diesem Ort stehen, ein merkwürdiges
Leuchten durchflackerte mehrere Nächte lang da hinten ein Gebüsch.
Der Einsiedler, der es beobachtete, erzählte seinem Bischof
in der Küstenstadt Iria Flavia davon. Der Bischof kam, untersuchte
das Phänomen und das Gebüsch, entdeckte darunter ein Grab
und identifizierte die Gebeine ohne Umschweife als die Überreste
des heiligen Jacobus - mehr als über viertausend Kilometer
von Jerusalem entfernt, wo er mehr als über siebenhundert Jahre
vorher als der erste Märtyrer unter den Aposteln hingerichtet
worden war.
Die Wahrheit: Santiago trat wirklich wie Venedig in die Geschichte
ein, nur noch plötzlicher. Venedig aus den Lagunen und Sümpfen,
hier aus Wiesen und Wäldern Santiago, beide ohne Altertum,
ohne antike Vorgängerinnen, beide von Anfang an ganz und gar
christlich. Santiago war buchstäblich ein Nichts, bevor hier
alles wurde. Bevor diese Kathedrale entstand, deren Fuss nun gerade
der Schatten erreicht, und dieser herrliche Platz davor.
Er wird kleiner in der Dämmerung, zieht sich zu einem belebten
Innenhof zusammen. Jetzt dringt der Ton einer Piccoloflöte
hinten aus einer Gasse in dieses Wohnzimmer der Stadt: der langsame
Satz aus Vivaldis a-Moll-Konzert, aus Fellinis "Roma", als wäre
auch Santiago eine Herzkammer Europas. Doch Santiago war nie ein
Herz, sondern eher ein paar Jahrhunderte so etwas wie eine Lunge
des alten Europa. Über diese Stadt nahm die Integration des
Westens ihren Anfang, über diese Stadt hat sich das Abendland
ausgetauscht: mit dieser frischen Luft, mit Blut, mit Geist. Denn
über den Hunderten von Zirkulationswegen, die hierhin führten,
lagerte neben der Wolke aus Hühnergegacker, Kuhgeruch, Gekläff
von Mischlingshunden, Hahnengeschrei und murmelnden Gebeten ja auch
ein endloses Gespräch über die Jahrhunderte - wo jetzt,
neben dem Reporter auf der Steinbank, die Pilger dieses Tages ihre
Gedanken ihren Tagebüchern anvertrauen wie Mädchen in
der Pubertät.
Der Schatten der fallenden Sonne klettert immer rascher die Jakobskirche
hoch, jetzt sind nur die Spitzen der Türme noch golden im letzten
Licht des Tages. Dann ist auch das vorbei. Die Nacht ist angebrochen.
Fünf Gaslaternen leuchten milchiggelb an der Fassade auf. Ich
stehe auf und hole meinen Mantel. Als ich wieder vor dem Hotelportal
stehe, hat sich der Mond in den Türmen gefangen.
"Europa Se Rompe! - Europa zerbricht!" verkündet die spanische
"Tribuna" am nächsten Kiosk. "Europe: The Mirror Cracks!" heisst
der Titel auf dem amerikanischen "Time"-Magazin daneben. Der deutsch
"Spiegel" bringt eine melancholische Abschieds-Reportage aus der
kroatischen Stadt Split und einen grossen Farbbericht über
das vielfältig gefährdete Angkor Wat. Die Tempelstadt
in Kambodscha sei "ein Gebirge aus Galerien, Terrassen, Toren und
Räumen", lese ich da. "Moose und Flechten überzögen
die Balustraden und Skulpturen. Aber habe ich das nicht eben erst
selbst notiert? Ist also Santiago vielleicht schon das Angkor Wat
des Abendlandes? In der Nacht wird die Stadt zu einem Traum. Gelbe
Lampen in engen Gassen, Stein zu Stein, Fenster zu Fenster, ein
geschlossenes Traumbild, voller Leben, und doch: ein Haus der vergessenen
Erinnerungen.
Vergessene Erinnerungen? Ja, selbst der Spott ist ja heute schon
vergessenen, mit dem man zu Beginn der Neuzeit das Grab zu überschütten
begann. "Weiss man denn", lachte Luther, "ob Sankt Jakob oder ein
toter Hund oder ein totes Ross da liegt!?" Die Knochen dieses Fischers
vom See Genezareth ausgerechnet hier oben im äussersten Winkel
Spaniens! Lächerlich. Es war einer der Witze von der Art, von
denen Voltaire nicht genug kriegen konnte . Eine köstliche
Dummheit. Denn natürlich unterscheidet und unterschied diese
Knochen nichts von anderen Knochen; sie hatten nie Wunderkraft.
Vergessen wurde aber auch die umstürzende Wirkungsgeschichte
dieser Handvoll Gebein. Denn der Glaube, der auf ihnen ruhte, hatte
wahre Berge in Europa versetzt. Berge? Er hat Weltreiche hin und
her bewegt. Ohne diese Gebeine, das ist gewiss, gliche Spanien heute
vielleicht am ehesten der Türkei. Vielleicht gliche ohne dieses
Grab ganz Europa ein wenig der Türkei. Wahrscheinlich hätte
es ohne Santiago keine Neuzeit gegeben - wie in China, wo es keine
Neuzeit gab, oder in Ägypten und in eigentlich allen anderen
Hochkulturen, wie im Islam, bis heute nicht. Wien wäre gefallen
ohne diese Reliquien, und viele andere Städte. Wäre Amerika
entdeckt worden? Aber vielleicht wäre die Neue Welt ja auch
von muslimischen Seefahrern entdeckt worden; wäre also heute
islamisch.
So kam es bekanntlich nicht. Nach der Entdeckung dieses Grabes endete
im Westen der Siegeszug der Kalifen, deren Reiterheere die christlichen
Reiche davor wie Kartenhäuser hatten zusammenstürzen lassen.
Danach ging - obwohl merkwürdigerweise kein Herrscher jemals
seinen Schemel über den Sarg Jakobs schob - von Santiago her
über Jahrhunderte die Eindämmung der Macht der Muslime
aus, vergleichbar vielleicht noch am ehesten jenem Containment des
Kommunismus, das nach dem Zweiten Weltkrieg von Washington ausging.
Von Santiago ging die zäh-langwierige Wiedereroberung Spaniens
aus. Santiago wurde zum "Mekka der Christen", wie arabische Geschichtsschreiber
die Stadt nannten.
Es war die Zeit, in der das Ausland in Deutschland noch ganz allgemein
"Elend" hiess. Spanien aber hiess "Jakobsland"
wegen dieser Schatulle - bis hinauf nach Schweden. Der Westen war
Jakobs Kontinent. Im Osten dieses Westens warfen sich Polen und
Deutsche gemeinsam den Sturmfluten der Mongolen entgegen. Es war
ein Wunder. Doch welche Wunder wird Jakob heute noch vollbringen?
Santiago ist vergessen worden, zusammen mit seinem Apostel. Jetzt
liegt die Stadt wieder fast wie an ihrem Anfang da, als Dornröschen
der Christenheit, abseits und ausserhalb unserer Welt - ein alter
Magnet ja, doch heute ausserhalb unserer Zeit, geographisch, politisch,
historisch und kulturell wieder im Abseits, als die exzentrischste
Stadt Europas. Die Stadt glitzert wieder unter meinem Blick. Unzählige
Quarzsplitter flimmern aus dem Granit, in allen Quadern, den Mauern,
im Pflaster der Strassen, bis in die Spitzen der Türme hoch,
vor Stunden in der Abendsonne, jetzt im Schein der Gaslaternen,
als Millionen Sternchen - als wäre ein zermahlener Spiegel
im Stein verborgen, ein verborgener grosser Kristall: der zerborstene
Spiegel Europas. Ganz Santiago scheint aus diesem Stein errichtet.
Wie Jerusalem ist es auch aus einem einzigen Stein gebaut. Das Loch
muss riesig sein, wo er gebrochen wurde. Sogar die Strassen wurden
aus den gleichen Quadern zusammengefügt wie die Häuser,
an die sie grenzen, die Treppen, die Arkaden, die Tore, die steinernen
Plätze. Sogar in den Fussboden der alten Bars setzt sich dieses
Strassenpflaster fort. Die Stadt ist wie gemeisselt, aus einem Block
skulptiert.
In der Innenstadt scheint fast jedes Haus älter als die ältesten
Häuser Amerikas. Es dauert, bis sich die Strassen leeren, die
Lichter in den Café-Bars und die Stimmen verlöschen.
Die breiten Treppen sind hier auch immer Emporen und Galerien. Der
herrliche Hall fordert die Tenöre unter der Bevölkerung
noch mitten in der Nacht heraus. Dennoch sind es alles zusammen
eigentlich nur ein paar Strassen und Winkel an denen hier jeder
sofort erkennt: Das ist eine Weltstadt, eine alte Metropole. Hier
ist bis heute jeder ein Fremder, wie in New York. Es ist auch immer
noch ein "Babylon der Zungen und Karneval der Nationen."
Unter allen Babylons und Jerusalems ist Santiago nun aber die wahrscheinlich
friedlichste Stadt der Erde geworden - die ansonsten der Hauptstadt
Judäas noch immer in mancher Hinsicht gleicht. Das hintere
Doppeltor der Silberschmiede ähnelt dem Hauptportal der Jerusalemer
Grabeskirche. Den Platz im Osten der Kirche begrenzt eine hundert
Meter lange Klagemauer - allerdings ganz Spanisch, mit vergitterten
Fenstern und Geranien darin. Die Könige David und Salomo bewachen
den Pórtico de la Gloria. Fast das gesamte steinerne Personal
der Stadt kommt aus Israel, angefangen von Jakob bis zu den zwölf
Propheten neben der Heiligen Pforte, die sich dort aus zwölf
Fenstern heraus quer durch die Jahrhunderte miteinander unterhalten.
Selbst der zerbrochene Spiegel Santiagos zeigt noch die Spuren vom
ursprünglichen Gesicht des Westens. Das alte Ghetto an der
Calle de Jerusalén wurde auch hier schon vor fünfhundert
Jahren ausgelöscht.
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Damals wurde mein Hotel mit den vier nach den Evangelisten
benannten Innenhöfen von den katholischen Königen gestiftet,
wahrscheinlich mit jüdischem Geld. Unmittelbar vor dem Ziel,
war es das prächtigste Pilgerhospiz des ganzen Weges - als
steinerne Danksagung für den endgültigen Sieg über
die Mauren und die Vertreibung der Juden. Damals wusste noch keiner,
dass mit diesem Sieg auch der Jakobsweg wesentlich an Bedeutung
verlor. Beim alten Ghetto unweit der Plaza Cervantes drücke
ich mir um zwei Uhr nachts die Nase an den beleuchteten Fensterscheiben
des "Correo Gallego" platt. Xosé winkt mich herein.
Er ist freier Mitarbeiter des Blatts und ein begnadeter Nachtschwärmer,
der seine unrasierten Kollegen in der Redaktion noch kurz mit seinen
Verbindungen zur Weltpresse beeindrucken möchte. Wir nicken
uns müde zu. Das neue Blatt ist fertig, die Bildschirme in
dem Grossraumbüro sind abgeschaltet, nur noch eine Neonröhre
flimmert hinten im Saal. Nebenan trinken die Redakteure im Fernschreibraum
eine letzte Tasse Kaffee über ihrem druckfrischen neuesten
Produkt. Heute ist die Zeitung mit dem Bericht über einen Pilger
aufgemacht worden, der gestern tränenüberströmt nach
zweitausendfünfhundert Kilometern und hundert Tagen zu Fuss
aus Düsseldorf in Santiago angekommen ist. 1994 will der pensionierte
Mathematiker, wie er den Reportern sagte, die Pilgerreise aus Moskau
wiederholen. Weiter hinten lese ich unter den vermischten Nachrichten
zum erstenmal den merkwürdigen Namen des Städtchens "Hoyerswerda"
im fernen Deutschland.
"Europa", sagt Xosé wenig später in der Calle
de Olvido, wo er mich unbedingt noch zu einem letzten Wein einladen
will, "Europa kennen wir hier nur vom Fernsehen." Er rümpft
die Nase. "Was ist Europa? Hier in der Gegend gibt es Dörfer,
wo, wenn dort im Winter jemand stirbt, die Leiche so lange im Schnee
liegen bleibt, bis die Autos wieder fahren können. Wo die wichtigsten
Strassen des Mittelalters hingingen, gibt es jetzt fast keine Strassen
mehr. Im Sommer aber stecken seit zehn Jahren nun regelmässig
Verbrecher das Land in Brand, unserer herrlichen Wälder. Keiner
von ihnen ist bisher gefasst worden. Dafür orientieren sich
mittlerweile sogar die Piloten über dem Atlantik an diesen
Waldbränden in Galicien: an eine Feuersäule in der Nacht
und einer Wolkensäule am Tag. Wenn sie die sehen, wissen sie,
dass sie wieder in Europa sind. Wir sind Europas Feuerland geworden."
Draussen in den Strassen jagen stürmische Wolken den silbernen
Himmel entlang.
Aus den Gassen sind jetzt auch die letzten Studenten verschwunden,
die ein Viertel der Einwohner stellen. Auf dem Heimweg umkreise
ich in einem grossen Bogen noch einmal das Kathedralenmassiv. Die
Liste der Lehrer, die in der Stadt gewirkt haben, ist lang und berühmt.
Das Colegio Mayor ist sogar grösser als die Jakobskirche selbst.
"Was Santiago heute ist, wollen Sie wissen?" fragte mich
dort vorgestern Don Eugenio im Kreuzgang, "dann müssen
Sie mir zuerst sagen, was Europa ist. Denn ohne Antwort auf diese
Frage ist Santiago ja nur noch eine Anekdote der Geschichte, wie
der Olymp der Griechen. Das Europa des Jacobus gibt es nicht mehr.
Es ist vergangen, und wir brauchen es wohl nicht zu bedauern. Jetzt
aber frage ich mich manchmal, ob dem Kontinent nun nicht bald das
gleiche Schicksal widerfährt, wie es Nordafrika im sechsten
Jahrhundert durch die Muslime widerfuhr. Auch diese Gebiete gehörten
ja einmal, wenn Sie so wollen, zu Europa." "Diesmal aber",
fuhr Don Eugenio fort und blieb auf unserem Rundgang stehen, "droht
Europa diese Gefahr nicht etwa von aussen, wie damals durch den
Islam, sondern von innen, durch die weltanschaulich älteste
Gegnerin der Christenheit: durch die Gnosis! Wissen Sie, was die
Gnosis ist? Lächeln Sie nicht. Jetzt kennt fast kaum noch einer
ihren Namen oder weiss noch, was das ist, was jetzt Europa gefährlicher
bedroht, als es jemals der Kommunismus tat, oder die Hunnen."
Don Eugenio ist Professor der Patristik. Der Kampf der Väter
gegen die frühen Irrlehrer ist ihm in Fleisch und Blut übergegangen.
"Jetzt erobern die Erben Zarathustras Europa. Die Gnosis wird
Russland im Handumdrehen erobern. Selbstverwirklichung! Wer weiss
schon noch, dass es der älteste gnostische Traum ist, die schimmernde
uralte Illusion von der Selbsterlösung!? Es ist vielleicht
unsere faszinierendste Versuchung. Unter verschiedenen Namen ist
sie in der Geschichte immer wiedergekehrt." Wir setzten uns
auf die Brüstung des Kreuzgangs. Ich beobachte das Glitzern
in den Steinen.
"Europas Pilgerschaft nach Santiago war deshalb im Kern ein
zähes Ringen gegen die Gnosis." Don Eugenio hob den Zeigefinger:
"Das heisst: es war die Auseinandersetzung mit der Begrenztheit
des Menschen, der sich nicht selbst erlösen kann. Das Bewusstsein
ihrer Schuld liess die Menschen aus allen Winkeln hierher ziehen.
Die Notwendigkeit der Vergebung! Die Vergebung war der Preis, mit
dem die Kirche Europa einmal einte, und nicht die Gnosis; diese
Kirche war das Skelett des Abendlands. Dieses Skelett ist schon
lange gebrochen, zersplittert, jetzt wird es morsch." Langsam
dunkelt es. Die Milchstrasse wölbt sich über der Stille.
Das leise Plätschern des Brunnens an der Plaza Fonseca ist
das lauteste Geräusch in der Stadt. Wie laut! Ich tauche die
Hände in das Wasser und halte mein Gesicht in das Becken. Hinter
der Calle de la Trinidad geht die Stadt, gleich hinter ihrem Kern,
schon in Gärten über. Das feine Singen und Zirpen der
Grillen webt sich über mich wie ein Netz elektrischer Funksignale,
das ich nicht verstehe. Es ist die kälteste Stunde der Nacht
geworden. Die Wolken senken sich tiefer. Der Mantel ist klamm, der
Atem steht in der Luft, als mir der Nachtportier wieder die Tür
öffnet.
Ich habe Kaffee aufs Zimmer vor das offene Fenster kommen lassen
und wärme meine Hände an der heissen Tasse. - "So
gesehen", beendet Don Eugenio seinen leisen Vortrag, "ist
Santiago vielleicht wirklich wie keine andere Stadt ein Spiegel
der Selbstvergessenheit Europas, der grossen Krise des Kontinents.
Denn selbst in der Kirche ist der Unterschied zwischen dem, was
die Kirche weiss und lehrt, und dem, was die Gläubigen glauben,
ja heute schon um ein Vielfaches grösser, als es früher
jemals der Unterschied zwischen den Konfessionen war. Der apostolische
Grundwasserspiegel senkt sich von Tag zu Tag. Jetzt glaubt auch
in der Kirche jeder längst, was er will, das heisst: an die
neuen Mythen, mit denen er sich füttern lässt. An die
Ideologien, die alten und neuen Geschichtsfälschungen, die
Synkretismen, die Esoterik. An die neue Gnosis ohne Namen. Das Fernsehen
hat die Glaubensunterweisung übernommen, die Illustrierten,
die Talk-Shows. Auch unsere neuen Pilger glauben doch schon längst,
was sie wollen, jeder einzeln für sich, und teilen diesen Glauben
nicht mehr - und halten es dennoch für besonders christlich.
Der Weg der Gemeinschaft ist zum Weg der Einsamkeit geworden. Viele
sind Heideggerianer, ohne dass sie es wissen. "Der Weg ist
das Ziel", lautet fast immer, so oder so, ihr Credo. Die christlichen
Pilger waren aber keine Sinnsucher. Auf der Pilgerfahrt zum alten
Santiago war nie der Weg das Ziel, sondern die Umkehr."
Eine Frau mit einer Milchkanne und einer Einkaufstüte auf dem
Kopf kommt unten durch den Palastbogen, eine frühe Studentin
eilt mit ihrem Bücherbündel am Fenster vorbei und quer
über den Platz. Langsam wird es wieder hell. Die Stadt wird
träge wach. Irgendwann ist der Ton der Blockflöte wieder
da. Nebel senkt sich über den Tag, während das Licht der
Laternen an der Kathedralenfront immer blasser wird. Jetzt ist der
Nebel da unten so undurchdringlich geworden, dass er sogar das Gewimmer
der ersten Dudelsäcke verschluckt.
Neue Geräusche hinter dem Vorhang, plötzlich treibt der
Wind die Wolken auseinander, die Morgensonne schweisst die Türme
wie eine goldene Erscheinung aus dem grauen Einerlei. Plötzlich
ist der Platz mit Menschen bis in die letzte Ecke gefüllt,
die Front der Kirche ein Meer gelb-weisser Fahnen. "Dreh dich
um, Europa!" hallt es aus krächzenden Lautsprechern über
alle Köpfe hinweg. Jetzt sehe ich auch den alten Mann da oben
auf der Freitreppe hinter der Balustrade. Sein weisser Pilgermantel
flattert. Der Wind zerrt an seinen Haaren. "Kehr um!"
ruft er jetzt noch einmal in seinem polnisch knarrenden Spanisch:
"Aus Santiago rufe ich dich, altes Europa, mit diesem Schrei
voller Liebe! Wende dich! Begegne dir wieder! Sei du selbst!"
Der Wind treibt die weiteren Worte fort, er ist ein Orkan geworden.
Staubwolken steigen hoch. Ich sehe, wie die Worte in der Luft zu
Bronzelettern erstarren, sehe, wie Handwerker die Tafel im Keller
der Kirche gegenüber dem Silbersarg anschrauben. Ich sehe mich
noch einmal die Stufen zur Krypta hinuntersteigen, sehe mich die
Inschrift lesen, zum vierten oder fünften Mal. Ich frage nicht
mehr: Kann denn ein Erdteil hören? Sich drehen? Sich begegnen?
Jetzt bleibt mein Blick nur noch am Datum dieses Hilfeschreis aus
dem fernen, fernen Galicien hängen, am "9. November 1982."
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(Der Parador von Santiago
war früher eine Pilgerherberge.) |
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Im Zeichen der Muschel
von Reinhard J. Brembeck, Süddeutsche Zeitung vom 4.9.2000
Kulturstädte Europas (4): Santiago de Compostela
feiert sich selbst seit mehr als tausend Jahren
Alle Wege führen nach Rom, aber nur einer,
der Weg schlechthin - el camino - führt nach Santiago
de Compostela. Heuer darf es eine der neun europäischen Kulturstädte
des Millenniums sein. Diese im äussersten Nordwesten Europas,
im spanischen Galicien gelegene Dorf-Stadt ist Endpunkt eines Weges,
der seit über 1000 Jahren die Touristen anlockt. Im 9. Jahrhundert
musste der Einsiedler Pelayo das angebliche Grab des Apostel Jakobus
aus politischen Gründen an der Stelle entdecken, wo heute die
romanisch-barocke Kathedrale von Santiago steht - ein typisch galicisches
Wunder. Denn das kleine Königreich Asturien im Norden der iberischen
Halbinsel, zu dem Galicien damals gehörte, war angewiesen auf
Anerkennung und europäische Hilfe im Kampf gegen die frech
aus dem Süden heraufdrängenden Araber. Pilger, so das
Kalkül, können in ihren freien Stunden immer einmal mit
dem gelegentlich als matamoro, als Maurentöter, erscheinenden
Apostel gegen die Ungläubigen zu Felde ziehen.
Das löste einen Pilgerstrom aus, der nur selten versiegte und
seit Francos Tod, 1975, von Jahr zu Jahr populärer wird. In
das verwunschen quicklebendige Santiago strömen Wallfahrer,
Gläubige und Abenteurer - wer möchte sie unterscheiden?
- genauso gierig wie nach Rom oder Jerusalem. Doch im Gegensatz
zu diesen Grossstädten gibt es für die 100000 Bewohner
von Santiago, das von keiner Industrie geplagt wird, nur zwei Einnahmequellen:
Studenten (sie machen ein Drittel der Bevölkerung aus) und
Pilger, die Wahrzeichen und Schicksal der Stadt sind.
In Santiago sollte der Besucher auf so ziemlich alles gefasst sein.
Sogar darauf, dass es bei seiner Ankunft ausnahmsweise nicht regnet:
Das hügelreiche und da und dort noch immer von Hexen - meigas
- bevölkerte keltische Galicien ist eine der regenreichsten
Regionen Europas. Das ahnt keiner, der über Kastilien aus dem
Flugzeug schaut und auf eine staubig helle Wüstenlandschaft
blickt. Doch urplötzlich wird das Land grün: In Galicien
regnet es unendlich gern. Deshalb sind die das Stadtbild prägenden
Pilger, die über Hunderte von Kilometern angewandert kommen,
mit ihren sonnenverbrannten Gesichtern meist recht uniform gekleidet.
Kurze Hosen, Strohhut, Sandalen oder Bergschuhe, Rucksack und vor
allem ein farbiger Regenumhang: So stiefeln sie wie Ausserirdische
durch Santiago.
Am Freudenberg
Ein Reisender muss unbedingt zu Fuss hierher kommen, um den Wiesen-
und Regengeruch sowie den bedächtig intensiven Rhythmus der
Stadt, die scheu offene Art der Bewohner, ihre durch den Tourismus
nie gestörte, in Essen und Trinken gipfelnde lebhafte Alltagskultur
erfahren zu können. Selbst wer mit dem Flugzeug anreist, sollte
sich von Taxi oder Bus spätestens am Monte do Gozo, auch Monxoi
- Freudenberg - genannt, absetzen lassen und dann mit Sack und Pack
loswandern. Von hier aus erblickt der Pilger erst mal die auf einem
grünen Hügel gelegene, von grünen Hügeln umgebene
Stadt. Und in der Ferne, hinter den Flutlichtmasten des Fussballstadions,
die drei barocken Türme der Kathedrale: das Ziel aller Ziele.
Wer einige hundert Kilometer bis zu diesem Monte do Gozo gelaufen
ist, weiss solche mystischen Erlösungsmomente zu schätzen,
die in der Moderne so selten geworden sind.
Nun geht es hinab in die Stadt, in einer guten Stunde werden wir
alle auf der Praza do Obradoiro, dem Platz des Goldenen Werks, vor
der Kathedrale stehen. Fast jeder hier spricht Galicisch, seit 1975
eine in Spanien zugelassene Regionalsprache, und das klingt eher
portugiesisch denn spanisch. Als Alfons der Weise (1221 bis 1284),
ein politisch unkluger, aber kulturell und wissenschaftlich höchst
ambitionierter König, ans Dichten und Sammeln seiner berühmten
Cantigas de Santa Maria ging, da traute er dem jungen Kastilisch
noch nicht zu, privat-intime Gefühle ausdrücken zu können
und griff deshalb aufs lyrikerprobte Galicisch-Portugiesische zurück.
Die grosse Dichterin der galicischen Sprachrenaissance, Rosalia
de Castro (1837 bis 1885), war übrigens die Tochter eines Geistlichen
- in einer Stadt, wo man vor Pilgern fast keine Pfarrer mehr sieht.
Die leicht altertümlichen Häuser sind meist nur zwei Stockwerke
hoch, erinnern an eine mittelenglische Arbeiterstadt und huldigen
dem Stein, oft einem regennassen grauen Granit. Galicien bedeutet
Steinzeit. Hier herrscht Mangel an Holz, weshalb Einzäunungen,
die typischen lang gezogenen Lebensmittelspeicher, horreos,
und die häufigen Wegkreuze aus Stein gehauen sind.
Nähert sich der Pilger dem Altstadtkern über die verschlafen
ländliche Rúa de San Pedro, so trifft er bei seinem
Abstieg nah bei dem längst abgerissenen Altstadttor Porta do
Camiño auf das Museo do Pobo Galego, eine vorbildlich präsentierte,
ethnografisch archäologische Dokumentation des noch heute sichtlich
armen Landes. Ein interessantes Detail: In Galicien wurde das seit
4000 Jahren bekannte Speichenrad nie heimisch, noch immer kann der
Wanderer in einigen Höfen das klobig archaische Speichenrad
sehen: Zeugnis eines erbitterten Überlebenskampfes, der noch
immer viele Gesichter zeichnet. In dieses Museum ist das Kloster
Santo Domingo de Bonaval eingegliedert, wo im "Pantheon bekannter
Galicier" auch Rosalia de Castro begraben liegt.
Spätestens hier begreift der Besucher, dass Santiago zwar provinziell
ist, aber stets den manchmal unfreiwillig komischen Anspruch erhebt,
Zentrum eines ganzen Volkes zu sein. So fordert eine ERA - in bewusster
Anlehnung an die baskische ETA - genannte Truppe in Graffiti Freiheit
für Galicien, ist aber vom Vorbild und seinem realen Terror
weit entfernt. Die Xunta de Galicia dagegen, die Regionalregierung,
versucht durch Kunst ihren Anspruch auf Autonomie zu sichern. Gleich
neben dem ethnologischen Museum prangt ein sich wundersam stimmig
ins Ambiente der Stadt fügender Neubau, das Zentrum für
zeitgenössische Kunst. In dem hellen, asymmetrisch angelegten
Gebäude wird auf drei Ebenen die Anbindung an die Avantgarde
geübt, derzeit mit einer Rebecca-Horn-Schau und einer Auswahl
aus den Beständen der Wiener Stiftung Ludwig. Von Provinz keine
Spur.
Fortsetzung folgt
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Eine steinige Natur und
eine stolze Geschichte
Unterwegs in der spanischen Provinz Aragón
Von Anna Schneppen, FAZ Reiseblatt vom 28.1.1993
Ein Gemälde des spanischen Malers Juan Bautista
del Mazo zeigt Zaragoza im Jahr 1645: Am Ufer des Ebro sitzen Angler,
Fussgänger flanieren über die alte Steinbrücke,
den Hintergrund bildet ein Gewirr von Kuppeln und Türmen. Wenig
scheint sich in den vergangenen Jahrhunderten an diesem Bild verändert
zu haben. Ein paar Türme sind hinzugekommen, statt Menschen
schieben sich heute Autos und Busse über den schlammig-braunen
Strom. Doch der Blick vom Ebro-Ufer ist geblieben, und auch die
Angler versuchen hier nach wie vor ihr Glück.
In der Nähe des Wassers, wo die Busse der Touristen haltmachen,
konzentrieren sich auf wenigen hundert Metern die Sehenswürdigkeiten
der Stadt: die "Seo" genannte Kathedrale, die im 12. Jahrhundert
an der Stelle der maurischen Hauptmoschee gebaut und mehrmals erweitert
wurde, das Rathaus, der Palast des Erzbischofs, die aus der Renaissance
stammende "Lonja" (Börse) und die Wallfahrtskirche
Nuestra Señora del Pilar. Im Jahre 40 soll hier die Muttergottes
dem Apostel Jakobus erschienen sein und eine Säule hinterlassen
haben. Zu jeder Jahreszeit drängen sich Gläubige und Pilger
in der Basilika, knien vor der Säule mit der Alabasterstatue
der heiligen Jungfrau, der man jeden Tag einen anderen Mantel umhängt.
Die umliegenden Läden haben ihre Chance erkannt: Überall
werden Marienfiguren angeboten, einfache aus Plastik, die gehobene
Ausführung in Silber und Marmor, als Schlüsselanhänger
oder als Briefbeschwerer.
Kunst und Kommerz gehen auch anderswo eine enge Verbindung ein.
In einem unauffälligen, blauverglasten Bankgebäude, gegenüber
der Universitätsbibliothek, liegt der "Patio de la Infanta".
In Reiseführern sucht man vergebens nach einem Hinweis, im
Gebäude verweist nur ein kleines Schild auf den Renaissance-Hof,
der während der Schalterstunden zu besichtigen ist. Ein jüdischer
Kaufmann liess im 16. Jahrhundert den "patio" als
Teil eines Palastes erbauen. Später zogen nacheinander eine
Schule, ein Klavierhersteller und eine Druckerei in das Gebäude
ein. Zu Beginn dieses Jahrhunderts - der Palast war längst
zerstört - erwarb ein französischer Antiquitätenhändler
den Hof und brachte ihn Stein für Stein nach Paris. Vor 34
Jahren kehrte er wieder in die Heimat zurück - in Kisten, die
nicht ausgepackt wurden. Mehr als ein Vierteljahrhundert verging,
bis die "Caja de Ahorros", die den Hof erworben hatte,
ihn im Bankgebäude wiederaufbauen liess. 18 000 Peseten
soll jener Antiquitätenhändler damals gezahlt haben; der
Bank war er 13 Millionen wert.
Auch die Araber haben ihre Spuren hinterlassen. Zaragoza, von den
Römern unter dem Namen Caesaraugusta gegründet, wurde
im Jahr 712 von ihnen erobert. Aus der Siedlung mit dem römischen
Namen wurde Sarakusta, wegen der vielen Bauwerke aus Alabaster auch
Al-Baida, die "Weisse", genannt. In dieser Zeit entstand
vor den Toren der Stadt die Aljafería. Heute liegt das maurische
Kastell wie eine Insel inmitten der Verkehrsströme, überragt
von trostlosen Wohnsilos. Doch hinter dem Burggraben ist Friede.
Im Innenhof wachsen Orangen und Limonen, Tauben nisten unter stuckverzierten
Säulengängen, in einem Brunnen sprudelt Wasser. Als der
"Schlachtenkämpfer" Alfons I. im Jahr 1118 die Stadt
eroberte, übernahm er auch die Prunkburg der Araber. Die christlichen
Könige von Aragón stockten das Gebäude auf und
liessen sich oben nieder - als sichtbares Zeichen der "Reconquista".
Später nutzten Soldaten das Kastell als Kaserne und die Moschee
als Küche. Jetzt tagt das Parlament von Aragón, wo einst
die Emire regierten.
Aragón mit den drei Provinzen Zaragoza, Huesca und Teruel
erstreckt sich vom Kamm der Pyrenäen im Norden bis nach Teruel
im Süden. Mehr als die Hälfte der Einwohner - fast 800
000 Menschen - lebt in der Hauptstadt Zaragoza. Wer Arbeit braucht,
sucht sie hier. In der Universität studiert längst nicht
mehr nur die Jugend der Provinz. An der Hauptstrasse bieten
die Warenhäuser Mode aus Madrid, in den grossen Hotels
ist zu Messezeiten fast jedes Bett belegt. Abends trifft man sich
bei "tapas" und herbem Rotwein in einer der vielen Kneipen
im Viertel "El Tubo".
Gleich hinter Zaragoza beginnt die endlose Steppe. Die Erde ist
braun und trocken. Hin und wieder führt der Weg durch eine
Ortschaft, gelb und ockerfarben wie das Gestein. An manchen Häusern
sind die Fenster vernagelt, die Weiden neben den Stallungen leer.
"Se vende" hat jemand auf eine Hauswand geschrieben. Doch
Käufer finden sich schwer. Früher hätten viele Familien
von der Landwirtschaft gelebt, sagt Manuel, der Fahrer. 250 Milchkühe
habe die Familie seiner Frau gehabt. Jetzt sei es nur noch ein Dutzend.
"Die Milchquote ist schuld", meint er. "Die Jungen
haben keine Arbeit mehr, sie gehen weg." Viele hat Zaragoza
aufgenommen.
Seit jeher haben Menschen in den Städten Zuflucht gefunden
vor der stechenden Sonne, den kalten Wintern und der steinigen Natur.
Nur wenige haben die Einsamkeit gesucht, wie die Mönche von
San Juan de la Peña vor tausend Jahren. Von Bernués
führt eine Bergstrasse zu dem Kloster, das sich in 1100
Metern Höhe unter dem Gestein duckt. "Ein Ort des Vertrauens",
sagt der Historiker, der die Anlage betreut, und deutet dabei auf
das Klosterdach - einen riesigen Felsen, der drohend über den
Besuchern hängt. Einen Garten, in dem man Obst oder Gemüse
hätte anbauen können, hatten die Einsiedler nicht, und
das nördlich gelegene Jaca war unerreichbar.
Jaca, die erste Hauptstadt des Königreichs Aragón, liegt
am Rande der Pyrenäen, in der Provinz Huesca. Im Sommer kommen
vor allem Pilger in die Stadt am Jakobsweg, im Winter zieht es Skifahrer
auf die Pisten der Gegend. Jetzt trifft man nur ein paar Ornithologen,
die den Zug der Vögel beobachten, auf Pflanzenkundler, Pilzsammler
oder Jäger. "Die Kälte ist dieses Jahr zu schnell
gekommen", klagt die Wirtin des Restaurants "Conde Aznar".
"Die Pilze sind erfroren." Auf dem Speisezettel stehen
die deftigen Speisen der Bergküche: Lamm, gebraten oder gekocht,
Wildschwein und Hirsch, je nach Saison, und "migas a la pastora",
in Fett gebackene Brotkrumen. Dazu trinkt man Somontano-Wein und
- für die Verdauung - selbstgebrannten Schnaps aus Wacholderbeeren.
Jaca hat den Verlust der grossen Vergangenheit nie überwunden.
Die alte Hauptstadt profitierte einst von ihrer Lage am Schnittpunkt
des Jakobswegs und der alten Route von Béarn nach Zaragoza,
auf der die Kreuzfahrer zum Ebro und die arabischen Kaufleute nach
Frankreich zogen. Heute liegt Jaca geographisch im Abseits. Seitdem
hinter Canfranc, in den französischen Pyrenäen, die grosse
Eisenbahnbrücke eingestürzt ist, sind die Zugverbindungen
nach Frankreich unterbrochen. Viele Strassen sind in schlechtem
Zustand, die grossen führen ohnedies an Jaca vorbei. Man
hofft auf das Jakobsjahr 1993 und darauf, dass fünf Jahre
später die Olympischen Winterspiele in Jaca ausgetragen werden.
"Wenn wir die Spiele bekämen", überlegt Señora
Abós laut, "dann würde sich vielleicht etwas ändern,
dann gäbe es Mittel für die Infrastruktur." Mit der
Ruhe, fügt sie nach einer Pause hinzu, wäre es dann freilich
vorbei.
Hinter Jaca wird das Land allmählich grüner. Wie Fächer
breiten sich die fruchtbaren Täler in Richtung Süden aus.
An den Hängen wachsen Oliven, Wein und Mandelbäume. Die
kleinen Weizenfelder sind von niedrigen Steinmauern umgeben. Hin
und wieder taucht in der Ferne ein Kirchturm auf, eine Schafherde
kreuzt den Weg. Schon von weitem ist die Burg von Alquézar
zu sehen. Die Mauren bauten ihre Festung auf einem Felsen, hoch
über dem Dorf. In den engen Gassen, die den Hang hinaufführen,
riecht es nach gedünstetem Paprika und dem Rauch von Kaminholz.
Im Winter hat Alquézar 180 Einwohner, im Sommer sind es mehr
als dreitausend. "Den Leuten ist das Leben hier zu hart geworden",
sagt der Bürgermeister, den alle nur Mariano nennen. Seinen
Familiennamen kennen die wenigsten. Viele sind weggezogen, um in
Huesca, Barbastro oder Zaragoza Arbeit zu suchen. Doch an Wochenenden
oder in den Ferien sind sie wieder da und beleben die verlassenen
Häuser. Die geblieben sind, arbeiten auf dem Feld oder in der
Schafzucht, neuerdings auch wieder im Handwerk: Überall wird
gehämmert und gesägt, werden Fassaden ausgebessert und
Pflastersteine verlegt. Alquézar besinnt sich auf seine Vergangenheit.
Der Bürgermeister setzt sich dafür ein, dass der
alte Dorfkern erhalten bleibt. Für die Wiederherstellung der
Häuser holt man Ziegelsteine und Baumaterialien aus Ortschaften,
in denen niemand mehr wohnt. Auch die maurische Burganlage mit der
romanischen Stiftskirche soll demnächst restauriert werden,
denn die kostbaren Wandmalereien im Säulengang sind blass
geworden. Aber noch reicht das Geld nicht für alle Arbeiten.
Mariano ist in Alquézar geboren. 1987 wurde er, gerade 23
Jahre alt, zum Bürgermeister gewählt - "der jüngste
Spaniens", sagt er mit Stolz. Interesse an einem Aufstieg in
die "grosse" Politik hat er nicht. In seiner Freizeit
hilft der "alcalde" auf der Baustelle der Eltern. Dort
soll bald das erste Hotel des Ortes eröffnet werden - mit einer
ungewissen Zukunft, denn dieses Dorf ist nicht für den "typischen"
Spanien-Urlauber geschaffen. Das weiss auch Salvador Domingo
Comeche, der Generaldirektor für Tourismus der Landesregierung
von Aragón: "Lange gingen die Routen an Aragón
vorbei. Die Region hatte keine Chance, weil sie dem Klischee nicht
entspricht, das viele von Spanien haben: Sonne, Sand, Meer, Corrida
und Flamenco." Aragón, heisst es in einer Broschüre,
setzt auf den "aktiven Touristen", der vor allem Natur
und Ruhe sucht.
Nördlich von Alquézar, in Richtung Rodellar, geht die
Strasse unvermittelt in einen holprigen Schotterweg über.
Zerklüftete Felsketten wechseln ab mit weiten Ebenen. Am Horizont
schimmern schneebedeckte Gipfel. Hier liegt die Sierra de Guara
mit ihren zahllosen Schluchten und tief eingeschnittenen Flusstälern,
Wasserfällen und Wildbächen. Im Sommer ist die Sierra
ein Paradies für Wanderer und Kletterer. Doch man braucht mehr
als Technik, um die steilen Felswände zu bezwingen. "Schluchtenkenntnis"
nennt Bergführer Benito, was er und seine Kollegen den Urlaubern
vermitteln: Naturkunde und Landschaftspflege gehören dazu.
Bis zu vierzehn Tage dauern die Expeditionen. Geschlafen wird, so
man will, im Haus des Bergführers. Im Winter, wenn der eisige
Wind durchs Tal fegt und es schon gegen Nachmittag dunkel wird,
lebt nur eine Familie in dem kleinen Dorf. "Aragón libre",
steht auf einem Schild am Ortsausgang, doch die Farbe ist abgeblättert,
das Holz verwittert.
Nirgendwo ist der "mudéjar", die maurisch-gotische
Stilmischung, so ausgeprägt wie in Teruel, der südlichsten
Provinz Aragoniens. Und nirgendwo sonst sieht man so viele der zierlichen,
blassrosa Ziegeltürme wie in der gleichnamigen Provinzhauptstadt.
Einer der schönsten steht neben der Kirche San Martín.
Geometrische Motive aus Backsteinen verbinden sich hier mit grün
und weiss lasierten Keramikfliesen zu zierlichen Minaretten
- Erinnerung an die Araber, deren letzte Moschee Anfang des 16.
Jahrhunderts verschwand.
In den Zeiten der arabischen Herrschaft war Teruel dem viel kleineren
Albarracín untertan, das etwa vierzig Kilometer flussaufwärts
am Guadalaviar liegt. Dieser Ort wurde in mehr als tausend Metern
Höhe auf einem riesigen Felsblock erbaut. Die mächtige
Stadtmauer zieht sich den Hang hinauf und legt sich von dort wie
ein Ring um die Ortschaft. Auf einem Plateau zwischen dem Felsen
und der steil abfallenden Talwand erhebt sich heute die Kathedrale,
wo einst die Moschee der Araber stand.
Die Häuser sind rotbraun wie die Berge ringsum. In den engen
Strassen pfeift der Wind, Rauch steigt aus den Kaminen. Die
wenigen Menschen, die an diesem Abend unterwegs sind, drängen
sich dicht an die Hauswände, den Mantelkragen hochgestellt.
An einem Tor am Hauptplatz ist ein Plakat angebracht: "Frauen,
wenn ihr lesen und schreiben lernen wollt, meldet euch hier."
In den Zimmern des Hauses brennt kein Licht.
Die Stadt hinter Felsen und Festungsmauern hat eine stolze Geschichte.
Unter der Herrschaft der Ben Razin war sie ein eigenständiges
Königreich, und auch unter der christlichen Adelsfamilie Azagra,
den "Vasallen der Heiligen Maria und Herren von Albarracín",
behielt sie ihre Unabhängigkeit, bis schliesslich die
Könige von Aragón und Kastilien gemeinsam die Ortschaft
belagerten, die sich mit dem König in Frankreich gegen sie
verbündet hatte. Im Jahr 1300 fiel Albarracín. Vor einigen
Jahren wurde die gesamte Stadt von der Unesco als Weltkulturgut
deklariert. Seitdem kommen mehr Touristen in die Stadt am Guadalaviar.
Andere zieht es zu den Höhlenmalereien in der Umgebung; die
zum Teil noch gut erkennbaren Jagdszenen sollen in der mittleren
Steinzeit entstanden sein.
"Was wollen Sie in Fuendetodos?" hatte ein Beamter in
Zaragoza gefragt. "Da ist doch nichts." Dort, wo die Landschaft
einer bergigen Wüste gleicht, ist die Heimat von Francisco
de Goya y Lucientes. Alles sieht fast noch so aus wie am 30. März
des Jahres 1746, dem Tag, an dem der grosse Maler geboren wurde:
niedrige, windschiefe Häuser, die meisten aus groben braunen
Ziegeln, andere weiss getüncht, eine Kirche mit zwei Türmen.
Das Geburtshaus in der Calle de la Alhóndiga ziert ein Schild
"En esta humilde casa nacio, para honor de la patria y asombro
del arte, el insigne pintor Francisco Goya y Lucientes". von
1913. Man muss den Kopf einziehen, wenn man in die kleine Küche
hinabsteigt: ein kalter Steinboden, in der Ecke eine Feuerstelle,
davor ein einfacher Holztisch. Die winzigen Fenster lassen den Blick
nicht schweifen. Nur kurze Zeit hat Goya in Fuendetodos gelebt,
dann zogen die Eltern - der Vater ein Handwerker, die Mutter aus
einfachem Adel - nach Zaragoza. Trennen konnte er sich von der Einöde
nicht. Selbst im fernen Madrid blieb er seinen Anfängen in
Aragón verbunden. Im "Museo Provincial" von Zaragoza
ist ein Brief erhalten, den der Maler auf dem Höhepunkt seines
Schaffens geschrieben hatte: "Für mein Haus brauche ich
nicht viel Mobiliar; es scheint mir, dass mit einem Druck der
Jungfrau del Pilar, einem Tisch, fünf Stühlen, einer Pfanne,
einer Lederflasche, einem Bratspiess und einer Ölfunzel
alles weitere überflüssig ist."
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Vom rauhen Brotland zum milderen Weinland
Der kastilisch-leonesische Teil der Ruta de la Plata
Von Claudia Diemar, FAZ Reiseblatt vom 23.11.1995
Kastilien, das ist das Land der Steine. Steinige
Erde, der die Ernte abgerungen wird; Steine, die zu Kastellen aufgetürmt
sind. Gut achthundert Kilometer zieht sich die Ruta de la Plata,
die N 630, als vertikale Achse durch Spaniens Westen, verbindet
so unterschiedliche Städte wie Gijon und Sevilla, verknüpft
Norden und Süden als stetiger Strom von Fahrzeugen und durchquert
dabei das steinige Kastilien. Via 24 hiess der lange Weg bei den
Römern, der als Wehr- und Handelsstrasse diente. Doch obschon
im Norden tatsächlich schon zu jener Zeit Mineralien, Silber
und sogar Gold ausgebeutet wurden, diente die Achse wohl mehr dem
Transport von Getreide und anderen landwirtschaftlichen Gütern.
Daher ist auch die wohlklingende Namensgebung "Silberstrasse" vermutlich
eine Phantasiebenennung, wahrscheinlicher ist eine Ableitung vom
lateinischen Platea, der öffentlichen Strasse, dem griechischen
Platys, was breit bedeutet, oder auch dem arabischen Balath, Hauptweg.
Der kastilisch-leonesische Teil der historischen Fernstrasse beginnt
spektakulär: Die Strasse teilt sich am Pass, dem Puerto de Pajares,
und wer sich für die Autobahn mit ihrer happigen Gebühr
entscheidet, der erlebt jenen perfekt inszenierten Rausch des Fahrens,
den man nur von den Werbespots der Automobilindustrie kennt: Die
fast leere Piste windet sich mit makellos seidenglatter Decke durch
die imposante Landschaft einer Hochebene. Weit läuft der Blick
über die wellige Steppe mit einzelnen dekorativen Findlingen.
Filigrane Brückenkonstruktionen spiegeln das Sonnenlicht, silbern
blinkende Gebirgsseen blenden das Auge. Kein Haus ist zu sehen,
kein Zeichen von Zivilisation, allein das schwarze Band der Strasse
ist Menschenwerk.
León liegt voraus. Die Stadt mit dem kraftstrotzend klingenden
Namen hat zwar einen Löwen als Wappentier, ihr Name ist schlicht
die Verkürzung von "Legion" - der VII. römischen Legion,
um genau zu sein, die hier einst stationiert war. Ihre Glanzzeit
hatte die Stadt vom zehnten bis zum zwölften Jahrhundert als
Hauptstadt des gleichnamigen Königreichs, das vom Atlantik
bis zur Rhône reichte.
Alle Wege in León führen zur Kathedrale, wo die Via
de la Plata und der Jakobsweg nach Santiago de Compostela sich kreuzen.
In der Calle de Franco, die tatsächlich noch immer so heisst,
sind alle paar Schritte glänzende Markierungen ins Pflaster
geschlagen: Pilgermuscheln aus Messing, blank gehalten von den Schritten
der Passanten. Folgt man ihnen, steht man bald vor der Kirche.
Man staunt, welche Leuchtkraft die zartgelbe, frisch restaurierte
Sandsteinfassade in der spätnachmittäglichen Sonne entwickelt.
Dann bleibt der Blick an der Uhr haften. Auf leuchtend türkisfarbenem,
sternenübersätem Zifferblatt pusten die vier Winde als
dickbackige Bengel gegen die Zeiger, die Sonne und Mond tragen.
Die drei Portale des Portikus an der Westfassade sind reich mit
Figuren geschmückt. Das Tympanon des Mittelportals zeigt das
Jüngste Gericht: Christus als Weltenrichter, den Engel mit
der Gerechtigkeitswaage, der die Verdammten auf die eine, die Frommen
auf die andere Seite weist. Scheusale mit grässlichen Fratzen
zermalmen die Gottlosen, Teufelsfiguren werfen arme Sünder
in brodelnde Kessel. Es ist ein furioser religionspädagogischer
Auftakt, mittelalterlich strenge Zucht des leseunkundigen Volks.
Doch innen kommt es ganz anders. Sind die schweren Türen aufgestemmt,
erwartet den Besucher der Rausch eines polychromen Wunders.
Bis zu zwölf Meter hohe Glasfenster lassen kaleidoskopartige
Farbspiele funkeln, bei wechselndem Himmel einmal zarte Koloration,
dann wieder grelles Technicolor. Eine Endlosschleife jubelnder Barockfanfaren
untermalt den Augenblick der Überwältigung. In dieser
Kirche hat die Gotik nichts Einschüchterndes. Die Steine, Quader,
Mauern, Strebebögen, Pfeiler sind nichts als der filigrane
Rahmen für dieses grellbunte, überschäumende Gotteslob.
In etwa vierzig Jahren, Rekordzeit für eine Hauptkirche, wurde
die frühgotische Kathedrale erbaut, die Elemente französischer
Vorbilder in Reims, Poitiers und Chartres vereint. Keine gigantische
Kirche, ein wunderbar stilreines architektonisches Kleinod jedoch.
Würde das immergleiche Jubellied vom Band nicht allmählich
an den Nerven zerren, man wollte dieses Wunder aus Licht und Farbe
am liebsten nicht mehr verlassen.
Draussen betteln Zigeunerinnen, es braust der Verkehr. In den angrenzenden
Bars fauchen die Espressomaschinen, schwirren die Stimmen derer,
die eine Copita nach der Arbeit nehmen. Die angrenzende Altstadt
wirkt dagegen wie die Kulisse für einen Historienfilm: die
Plaza del Mercado trägt die Patina von Jahrhunderten zur Schau.
Und doch: Nirgendwo steht die Zeit still. Neben winzigen Gemischtwarenläden
stellen Läden ihren bunten Ramsch aus, und in pittoresken Schenken
tönt das elektronische Gedudel, mit dem die einarmigen Banditen
zum Spielen animieren.
Das Hotel Paris nahe der Kathedrale, in dem man zu den schmalzgebackenen
Churros noch eine Schokolade erhält, in der tatsächlich
der Löffel steckenbleibt, hat schon bessere Tage gesehen. Unter
trägen Deckenventilatoren aus einer anderen Epoche versammeln
sich hier die Pensionäre der Stadt, um Zeitung zu lesen oder
Domino und Karten zu spielen. Jetzt wird die einst schmucke, vom
Zahn der Zeit schwarz gegerbte Fassade restauriert - und bald in
neuem Glanz vielleicht ein ganz anderes Publikum anziehen.
Wer es sich leisten kann, quartiert sich im Kloster San Marcos am
Ufer des Rio Bernesga ein. Das ehemalige Pilgerhospital, ein Renaissancebau
mit repräsentativer Fassade, beherbergt heute eines der luxuriösesten
Hotels des Landes. Noch immer wacht Santiago als Maurentöter
unbeeindruckt über dem Hauptportal, und ebenso unbeeindruckt
von den Fünf-Sterne-Zuschauern spielen die alten Männer
am Flussufer ihr schwer durchschaubares Turnier mit hölzernen
Halbkugeln und Kegeln.
Das dritte kunsthistorische Schaustück der Stadt ist San Isidro
mit dem romanischen Pantheon, der Königsgruft. In begrenzter
Farbpalette von Rostrot, Kobaltblau, Chromgelb, Ocker, Grau und
Schwarz sind Szenen aus dem Leben Jesu in eigenwilliger Gestaltung
auf die Gewölbe gemalt. Anlehnungen an byzantinische und mozarabische
Malereien sind erkennbar. Die Gurtbögen und Säulenkapitelle
sind mit floralen und geometrischen Motiven dekoriert.
Nach León macht die Ruta de la Plata einen Knick und führt
in westlicher Richtung - identisch mit dem Jakobspilgerweg - nach
Astorga, wo die Römer einst Gold schürften und so nachdrücklich
in die Landschaft eingriffen, dass noch heute die Schründe des
Tagebaus zu erkennen sind. In der Stadt finden sich römische
Mosaiken und Mauerreste. Vor der uralten Apotheke unter den Laubengängen
der Plaza Mayor verpflastern zwei Pilger die wundgelaufenen Füsse.
Astorgas auffälligstes Bauwerk ist der Bischofspalast von Antonio
Gaudi, in dem jedoch nie ein geistiger Würdenträger residierte.
Die Mischung aus Reminiszenzen an die Gotik und Allegorien auf Burgen,
wie man sie aus den Entwürfen Disneys kennt, verblüfft
mit Glasfenstern grellster Farbgebung und beherbergt heute ein Museo
de Camino, ein Pilgermuseum.
Der Weg wendet sich wieder in südöstliche Richtung. Er
überquert die N 630 für einen Abstecher nach Valencia
de Don Juan, wo sich die Reste der Burg wie eine steilwandige steinerne
Chimäre aus dem kargen Hochland drücken. Endlos dehnen
sich die Getreidefelder der Meseta unter dem blassblauen Himmel.
Einzelne Steineichen und die lang geschwungenen Linien der Stromleitungen
und Masten geben der Landschaft Kontur. Kaum mehr als eine Stunde
dauert die Fahrt auf der N 630 nach Zamora. Auch hier trifft der
vertikale Weg auf eine Horizontallinie.
Der Fluss Duero ist die Grenze zwischen der Tierra de Campo, dem
nördlichen Brotland der rauhen Meseta, und der Tierra de Vino,
dem Weinland, einem nun beginnenden vage milderen Teil Kastiliens.
Die gesamte Altstadt mit ihren Gassen aus dem zwölften und
dreizehnten Jahrhundert, den schlichten romanischen Kirchen und
noblen Renaissancebauten ist unter Denkmalschutz gestellt. Schon
Heinrich IV. freilich lobte das Städtchen als "sehr edel und
sehr treu".
In der Kirche Santiago de los Caballeros soll El Cid zum Ritter
geschlagen worden sein. Im Park vor der Kathedrale mit dem orientalisch
anmutenden Schuppendach posiert ein Brautpaar für den Fotografen.
Auf der Plaza Mayor gibt es frische Erdmandelmilch. Eine Wanderbühne
führt vor stolzen kleinen Spaniern ein Theater auf, das die
Erwachsenen nicht minder ergötzt. Vom Kirchplatz von San Cipriano
ist ein Storchennest zu sehen, in dem noch die Flaumfedern der Jungen
im Stroh hängen. Auf jedem Turm, jedem First finden sich verlassene
Nester. Die Vögel sind längst aufgebrochen in wärmere
Gefilde.
Es geht weiter nach Süden, ein Katzensprung ist es nach Salamanca,
das wir umfahren, um uns von Süden, von der alten Römerbrücke
aus, der gebotenen, einzig wahren Perspektive, der legendären
Stadt zu nähern. Wir haben Glück: Das sanfte späte
Sonnenlicht macht aus der Stadt am Rio Tormes ein Impressionistengemälde,
im Perlmuttschillern des Flüsschens spiegelt sich die Goldene
in verdoppeltem Glanz. Die gesamte Altstadt ist aus leuchtend gelbem
Sandstein gefügt. Die riesige trapezförmige Plaza Mayor
mit ihren Arkaden gilt als die schönste Spaniens. Sie ist der
öffentliche Salon der Stadt. Hier nimmt man ein Glas Wein,
wenn die Sonne nicht mehr sticht, kauft man in alteingesessenen
Läden mit stilvollem Interieur ein, flaniert man beim abendlichen
Paseo. Auch für Reisende ist der Platz ein Genuss. Unter den
Arkaden kann man sich im Schatten vom Pflastertreten erholen, den
Tauben und dem Strom der Passanten zusehen.
Salamanca hat gleich zwei Kathedralen, die auf unkonventionelle
Weise miteinander verschachtelt sind. Von der Romanik bis zum Spätbarock
reicht die kunstgeschichtliche Bandbreite des Zwillingsbaus. Salamanca,
das ist vor allem die altehrwürdige Universität, in der
man das Inventar jahrhundertealter Vorlesungssäle begutachten
kann. Die härtesten und schmalsten Bänke waren den Theologen
zugedacht - angehende Juristen durften dagegen schon auf gepolsterten
Lehnstühlen sitzen. Knapp zweihundert Jahre nach der Gründung
im Jahr 1218 durch Alfons IX. entstand das repräsentative Hauptgebäude
mit einem Medaillon der königlichen Gönner Isabella und
Fernando. Die in plateresker Ornamentik überbordende Hauptfassade
entzweite Generationen von Kunstkritikern.
Im sechzehnten Jahrhundert vereinte Salamanca die damals enorme
Zahl von mehr als siebentausend Studenten. Namhafte Gelehrte gingen
aus der Universität hervor, in der die Studenten den Rektor
ebenso wählten, wie sie über die Berufung von Dozenten
entschieden. Wie heute begann das Studienjahr Mitte Oktober, genauer
am 18., dem Tag des heiligen Lukas, an dem angeblich auch eine Heerschar
von Dirnen rechtzeitig zu Semesterbeginn in die Stadt einzog. Überhaupt
schien das Nachtleben des akademischen Jungvolks vielerlei Beschwerden
von den biederen Nachbarn zu provozieren.
In ihrer Blütezeit verstand sich die Universität als Mittlerin
zwischen den Kulturen. Arabische Wissenschaften und griechische
Philosophie wurden hier mit der Dogmatik des Christentums wohlwollend
abgewägt. Keine zweihundert Jahre währte der Traum: Die
endgültige Vertreibung der Mauren aus Spanien, der Terror der
Inquisition gegen Studenten und Lehrende sowie die Gründung
neuer konservativer Lehranstalten und Jesuitenkollegien liessen die
Studentenzahlen auf ein Fünftel herabsinken. Heute sind 16000
Studenten eingeschrieben, zahlreiche Ausländer kommen für
ein oder zwei Semester, um am legendären Ort des einstigen
"Estudio General" zu hören. Die Stadt mit den vielen jungen
Leuten wirkt lebendig, aber an vielen Stellen bröckelt der
Sandstein, wären dringende Restaurierungen notwendig. Selbst
die Rua Mayor ist vom melancholischen Charme des Ärmlichen
nicht ausgespart: In verstaubten Lädchen kann man für
wenig Geld Papier und Schreibgerät und antiquarische Bücher
kaufen. Wo jedoch, so fragt man sich beklommen, soll das Geld herkommen,
das goldene Wunder von einer Stadt zu erhalten?
Die Strasse steigt an, die weite Landschaft faltet sich, drängt
sich zusammen zur Sierra de Gredos. Noch einmal weichen wir ein
paar Kilometer vom Weg ab, machen eine Stippvisite in Alba de Tormes,
heute ein Provinznest, das im sechzehnten Jahrhundert achtzehn Kirchen
aufwies, von denen lediglich vier noch erhalten sind. Fünfmal
mehr Einwohner zählte die Stadt damals, als die Herzöge
von Alba ein geistiges und politisches Zentrum unterhielten, das
weithin in Europa berühmt war. 1582 starb hier Teresa von Avila
in einem von ihr gegründeten Karmeliterkloster. Ebendeshalb
ist das Städtchen immer noch ein bedeutender Wallfahrtsort
mit Szenen ergriffener Frömmigkeit am Grab mit den Überresten
der Heiligen - einem Herz und einem Arm; der Rest wurde überall
in die fromme Welt verteilt. An die Herzöge von Alba erinnert
heute nur noch ein düster dräuender Turm ihrer Feste und
ein Brandy der besseren Sorte.
Bejar, dessen Herzögen Cervantes einst seinen Don Quijote widmete,
türmt sich anmutig auf einem Hügel. Es ist der letzte
Ort des kastilisch-leonesischen Teils der Ruta de la Plata. Die
Piste windet sich nun mit Gefälle der Extremadura entgegen.
Ab und zu, mitten in der Sierra de Gredos etwa oder im eben schon
extremenischen Montemayor, finden sich noch Reste der zweitausend
Jahre alten Römerstrasse. Hinter der nächsten Kuppe verliert
sich der Weg, das starke Licht lässt ferne sevillanische Heiterkeit
ahnen und weckt vage Sehnsucht nach südlicher Wärme.
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