Kunst, Kultur und noch so allerlei...

Ein Text aus Spaniens Norden - Der Weg nach Santiago von Helmut Domke:

Alle Strassen und Weiler zogen sich um einen Grund, der rings von Höhenzügen umgeben war; ein weites, grünes Nachtigallental mit Pappeln und Zypressen. Darin lag etwas, das noch heute jedes Herz klopfen macht. Inmitten des Grundes träumt das Oktogon von Eunate seinen Märchenschlaf, klein, schmal, ein steinerner Schrein, der Zärtlichkeit auslöst. Liegt einfach im Feld, makellos. Länglich und vorgelagert eine fünfeckige Apsis. Das Oktogon mit seinen Portalen, seinen Blendarkaden, den schmalen, mit Alabaster gedeckten Fenstern strebt im Ganzen dreizehn bis vierzehn Meter hoch. Bis zum Ansatz des Daches dürfte es etwa acht Meter messen. Die Dachhaube selbst schiesst rund vierzig Zentimeter über und ruht auf Kragsteinen oder den Kapitellen der Pilaster, die dem Bau gleichsam Halt geben.
Das Eigenartigste an Eunate bleibt, dass dieser Achteckbau in rund 3,5 Metern Distanz von einem Oktogon von Arkaden umzogen wird. Nur diese Bögen sind da. Sonst nichts. Nach den beiden Eingängen oder Schauseiten werden die Arkaden von schlanken Doppelsäulchen, dem Feld zu, das sind immer fünf von acht Seiten, von eckigen Pfeilern getragen. Allesamt stehen sie auf rund sechzig Zentimeter hohen Sockeln. Eine Mauer schirmt die köstliche Anlage gegen die andrängende Erde. Gleich der Heilig-Grab-Kapelle von Torres del Rio dürfte Eunate Ende des 12. Jahrhunderts von einem maurischen Architekten erbaut worden sein.

Was der Bau mit seinem warm getönten Buntsandstein und den teils ornamentalen, teils figürlichen Kapitellen sollte? Man weiss nicht. Dass die äussere Archivolte des Hauptportals dem Besucher magische Figuren und Fabelwesen entgegenhält, besagt nicht viel. Die Tradition will, Eunate habe als Totenkirchlein eines Pilgerfriedhofes gedient. Wie es dasteht, sieht es eher als zur Zierde der Landschaft erschaffen aus. Es besitzt ungeachtet der Dämonenhäupter an den Kragsteinen der Apsis Harmonie und Heiterkeit, und dazu passt es nicht übel, dass der von der Zeit zerfurchte und ausgewitterte Stein von den Feldbienen erobert wurde, die in den Höhlungen ihre Nester anlegen. Sie umtanzen, umschwärmen das Kirchlein wie einen Bienenstock. Die Totenkapelle hat sich in eine Honigscheuer verwandelt. Nahebei ein stallartiges, leeres Haus, aber sonst ringsum vollkommene Einsamkeit. In Winter und Regen, in Sommer und Hitze, Tag und Nacht steht das Kirchlein allein. Ausser den Bienen sind nur die Lazerten da, die über die Steine laufen. Es sei denn, jemand holte sich in Muruzabal den Schlüssel, schlösse sich die knarrende Tür auf, träte ins glimmende Dämmerdunkel und erblickte im Raum die Säulenstellungen der Apsis und die noch grössere, innere Einsamkeit von Eunate. Es ist etwas magisches um diesen von schweren Gurtbögen überfangenen Raum, der gleichwohl so leicht wirkt. Aber das ist eben das Geheimnis mozarabischen Bauens: In Schönheit umschmolzene Intelligenz.
Ach, es geschieht so selten, das einer daherkommt und öffnet. Die Einsamkeit von Eunate ist voller Poesie, Vogelgesang, Bachgemurmel und dem Leuchten der blühenden Iris. Fern die Berge und Weinhänge sieht man abwechselnd in buntem Gelb, sattem Grün und dem Ochsenblut der frisch geackerten Erde. Zurück liegen einige phantastische Bergkuppen, und über den Himmel ziehen zarte Wolkenfedern. Der Zauber der Schönheit von Eunate ist so eindringlich, wie es selbst in diesem gesegneten Land nur selten ist.

Das Buch ist bei Prestel erschienen.



 
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