ふえい      
Anime – Die Welt der japanischen Animationsfilme

 

VI Otaku – Die japanische Fangemeinschaft

Im Deutschen gibt es eigentlich keinen Begriff, der einen Otaku genau beschreiben kann. Im Englischen trifft der umgangssprachliche Ausdruck “nerd“ wohl am besten zu. Er reicht jedoch nicht vollkommen aus, um das Phänomen Otaku zu beschreiben. Auf japanisch existieren grundsätzlich zwei Bedeutungen. Die Eine ist die Bedeutung eines japanischen Schriftzeichens, um seinen Wohnsitz anzuzeigen. Die Andere ist eine Art von Höflichkeitsform, die dann benutzt wird, wenn man mit einer (meist fremden) Person spricht, mit der man keine besondere Beziehung hat. Mit dieser Anrede spricht man zum Beispiel einen Briefträger oder einen Polizisten an. Die Anrede lässt sich am Besten mit „bei Ihnen“ übersetzen. Bei uns würde es etwa so benutzt werden: „Und bei Ihnen läuft ’s gut?“
Dieser Ausdruck wurde darum für dieses Phänomen gewählt, weil genau diese beiden Aspekte auch darin beinhaltet sind. Otakus bleiben lieber zu Hause, frönen lieber ihrem Hobby und distanzieren sich mit Respekt vor den anderen Mitmenschen. Für sie ist es wie ein Fetisch den Zeitvertreib zu ihrem Lebensinhalt zu machen.
Die Otakus sind nicht eine ausgeschlossene Kaste wie die Parias in Indien. Sie haben ihre eigenen Gruppierungen. Dennoch halten sie sich eher bedeckt und treten deshalb selten in der Öffentlichkeit auf. In der japanischen Gesellschaft zu leben heißt automatisch in der Gruppe zu leben. Aus der Gruppe ausgeschlossen zu werden, ist, als ob man sein eigenes “Ich“ verlieren würde.
Die Otakus sind ein reines Produkt der japanischen postindustriellen Gesellschaft. Diese war anscheinend so antisozial ausgerichtet, dass die Otakus die Folge waren. Während im Westen die Drogenabhängigkeit anstieg, was unsere soziale Entwicklung widerspiegelt, stieg die Anzahl der Otakus in Japan etwa so ähnlich an.
Otakus wuchsen neben der sich ständig weiterentwickelnden Technik auf. So umfassten sie diese Medien als natürlichen Bestandteil ihres Lebens auf. Die grosse Besonderheit ihrer eigenen Welt ist, dass sie jederzeit verfügbar ist und dass sie gleichzeitig auch wieder entsorgbar ist. Otakus fühlen sich nur in der Welt wohl, die sie sich selber erschaffen haben. Sie suchen nicht den Kontakt mit anderen. Man kann hier auch von der "Walkman-Generation“ sprechen. Der Walkman symbolisiert perfekt diese Situation. Ein Walkman schottet einen von der Außenwelt ab, während in der eigenen Welt die Musik läuft, die man selber ausgewählt hat.

Im Wort “Otaku“ steckt auch die Ablehnung des Leidens. Der Otaku lebt in der Isolation in seiner Wohnung. Dank dem Fernseher, den Videospielen und dem Computer erlaubt er sich das, was er sonst nie wagen würde. Dazu können auch Sex, Gewalt, Tod oder Leiden gehören. Schließlich schafft es der Otaku sich klarzumachen, dass er lebt. Er erreicht dies, wenn er sich in eine Art technischen Autismus versetzt. Die eigene Welt der Otakus kann sehr verschieden aussehen, je nach dem, wie sein Bedürfnis aussieht. Dabei können es Puppen, oder Fotos einer jungen Musikerin sein, bei anderen sind es Videospiele, Mangas oder eben Animes. Scheu und mit wenig Selbstvertrauen (erzeugt durch die strenge japanische Gesellschaft), entdecken sie eine Liebe, in der sie die volle Kontrolle haben, in dem sie sich beispielsweise in kleine Puppen aus Plastik oder in weibliche Animecharaktere verlieben.
Auch die großen japanischen Konzerne (Sega, NEC, Apple, Sony), welche sich mit dem Virtuellen befassen, haben keine Geheimnisse vor den Otakus. Die Otakus waren diejenigen, die die ersten Geräte dieser Hersteller kauften.
Sie bestimmen  also nahezu  den technischen Markt  in Japan,  daher sind sie auch
 
Ohne Worte.

hervorragende Testpersonen für neue Technologien.
Dieses Phänomen existiert gewiss nicht nur in Japan. Hinter den “Besonderheiten“, welche das Aufblühen der Otakus in Japan ermöglichten, existieren Otakus auch auf der ganzen Welt. Die Faszination des Virtuellen kennt keine Grenzen. Auch die Jugendlichen unserer Gesellschaft haben das Bedürfnis, sich in eine Traumwelt zu stürzen. Die ältere Generation las noch die Abenteuer von Kapitän Nemo, die nächste konnte dieselben Abenteuer im Fernseher verfolgen und die heutige Jugend kann selbst, wenn auch nur virtuell, teilnehmen.
Im Jahre 1983 hat der damals sehr junge Schriftsteller Nakamori Akio zum ersten Mal das Wort “Otaku“ für dieses Phänomen verwendet. Nakamori ist ein junger und scheuer Mann, der in Japan für seine Analysen der zeitgenössischen Psyche der Jugendlichen bekannt war. Dank seinen exzellenten Analysen und dem Wort Otaku, welches immer mehr in der Öffentlichkeit bekannt wurde, entwickelte er sich immer wie mehr zu einer Art von “Pate“ für alle Otakus.
Der Begriff war lange Zeit nur wenigen bekannt. Er existierte nur Abseits dem üblichen Wortgebrauch. Zwischen seiner “Erschaffung“ (1983) und seiner Annerkennung im Allgemeinwissen Japans, vergingen 6 Jahre. Das Phänomen war allgemein bekannt. In Japan hat man aber nur Chancen, die Aufmerksamkeit auf etwas zu lenken, wenn die Medien sich geschlossen dahinter stellen und es verbreiten.
Die oben genannte Einstimmigkeit der Medien ermöglichte dem Begriff “Otaku“ endlich aus dem Verborgenem zu kommen. Unglücklicherweise im August 1989. An diesem Datum wurde ein junger 28-jähriger Mann, Mörder von 4 jungen Mädchen, als typischer Otaku (fälschlicherweise) den Medien vorgestellt. Die Meldung des Mörders Miyazaki Tsutomu, welche die Runde durch die Presse und den Fernsehanstalten machte, versetzte die Hunderttausende von Otakus, die schon immer im Schatten der Gesellschaft lebten, in Schrecken. Auf einen Schlag verlor der Begriff seine Romantik. Ein Otaku zu sein, war plötzlich ein Synonym für einen perversen Mörder, welcher zu den übelsten Gewalttaten fähig war, nur um seine Leidenschaft zu befriedigen.
Daraus folgernd wollten nur noch sehr wenige junge Japaner Otaku genannt werden. Man empfand dies sogar als eine Beleidigung. Gleich nach der “Miyazaki-Affäre“ wurde der Begriff Otaku in den Kreisen tabuisiert, von dem der Begriff eigentlich abstammte. Ein neues Wort wurde geschaffen: „Otakky“, ein Wort mit modernerem Klang. Weitere aufwertende Versuche wurden gestartet um den Mitlaut eines Verdammten verbleichen zu lassen. Schlussendlich entstand daraus das Wort „Hobby-ist“, was dem Phänomen auch einen positiveren Touch verlieh. Dennoch wiedergibt dieses Wort nicht genau den ursprünglichen Sinn.
Trotz den negativen Begleitvorstellungen, die hauptsächlich durch die “Miyazaki-Affäre“ verursacht wurden, ist der Begriff Otaku im ursprünglichen Sinne der korrekteste Ausdruck, um die Jugendlichen zu beschreiben, welche in ihren virtuellen Träumen verloren sind. Das Wort scheint für die japanische Sprache geschaffen zu sein, denn weder die Medien noch die Interessierten können es durch ein positiveres Wort ersetzen. Eine neue Strategie, um den Begriff in ein positiveres Licht zu rücken, ist, den Begriff ohne Unterschied auf alle zu beziehen, die irgendein Steckenpferd besitzen. Daher existieren heutzutage auch “Fussball- Otakus“, “Golf-Otakus“, oder auch “Gesundheits-Otakus“ (Leute, die so gesund wie möglich leben möchten). Heute werden in Japan Otakus zwar noch geduldet, aber dennoch werden sie eher als beschämend betrachtet. Die Medien versuchen den ursprünglichen Begriff des Otakus in einen unklareren Zusammenhang zu bringen um damit schlussendlich die „wahre“ Bedeutung verschwinden lassen zu können. Es ist des Weiteren bewiesen, dass Japan solche Techniken anwendet, um die “Harmonie des Landes“ zu gewährleisten.

 

 

いぜん           ほむ           ねくすと