ふえい      
Anime – Die Welt der japanischen Animationsfilme

 

II Geschichte


2.1. 1917-1962 – Vor- und Nachkriegzeit

Die ersten japanischen Animationsfilme waren einige zwei- bis fünfminütige Kurzfilme, die etwa um 1917 entstanden sind. Hauptsächlich handelt es sich dabei um Märchen japanischen sowie europäischen Ursprungs, die von Hobbyanimatoren gefertigt wurden. Diese Animationsfilme hatten im Gegensatz zu heute keine bewegten Hintergründe; lediglich die Figuren waren animiert.
Während der faschistischen Zeit Japans, also vor und während dem zweiten Weltkrieg, durften die Animationskünstler ihren Vorstellungen keinen freien Lauf lassen. Genauso wie die Werke der deutschen Animationskünstler, wurden auch die Werke der Japaner ständig zensiert oder sie wurden gezwungen, mit ihren Animationen Propaganda für das Militär zu machen.
Ein sehr gutes Beispiel für solche Propagandafilme ist Momotaro no Umiwashi (Momotaro’s göttliche Seekrieger). Mitsuyo Seo wurde 1943 vom Militär beauftragt, ein Team von Animatoren zusammen zu stellen, um einen Film zu schaffen, in dem die japanische Marine im Mittelpunkt stehen soll. Daraus resultierte Momotaro no Umiwashi, ein 74-minütiger schwarz-weiß Animationsfilm, der von einer Schiffsflotte handelt, die mit verschiedenen Tieren, die die japanische Marine darstellen sollten, bemannt ist, welche ständig in Seeschlachten mit den Amerikanern verwickelt werden.
Da die Animatoren unter Druck arbeiten mussten, hatten sie nie die Gelegenheit, ihre Techniken zu verbessern und mit den Amerikanern mitzuhalten, die ihnen bereits um Längen voraus waren.
In der Nachkriegszeit sah das Ganze nicht viel besser aus: Der Schaden, den das Land während dem Krieg erlitten hatte, ließ auch die Animations- und Filmindustrie nicht unversehrt. Praktisch alle Kinos wurden zerstört. Lediglich die Mangaindustrie konnte sich aufrechterhalten, da für die Produktion eines Mangas bloß Bleistift und Papier nötig sind.
Erst in den 50er Jahren erholte sich die japanische Filmindustrie und neue Kinos wurden eröffnet.


2.2 Die 60er Jahre – Geburtsstunde des Anime

Anfang der 60er Jahre sorgte vor allem Osamu Tezuka für Aufsehen. Tezuka revolutionierte sozusagen die japanische Anime- und Comicwelt. Schon in seinen jungen Jahren liebte er es, Cartoons zu zeichnen. Als er mit 18 Jahren an der Uni Medizin zu studieren begann, verdiente er nebenbei mit dem Zeichnen von kurzen Cartoons für verschiedene Zeitungen sein Geld. Später begann er längere Comics zu erstellen, mit denen er ziemlich schnell national bekannt wurde. Obwohl er sein Medizinstudium erfolgreich beendet hatte, entschied er sich dafür, sein Leben den Comics und der Animation zu widmen. So kam es 1962 zur Gründung von Studio Mushi; kurz darauf veröffentlichte er schon seinen ersten Anime: Aru Machikado no Monogatari; der erwünschte Erfolg blieb jedoch aus. Den entscheidenden Durchbruch schaffte Tezuka 1963 mit seiner ersten TV-Serie Tetsuwan Atom (Astro Boy), dessen Geschichte auf seinem gleichnamigen Manga beruhte. Diese Serie, die seit einigen Jahren auch auf Deutsch erhältlich ist,  hatte einen so großen Erfolg, dass nach einigen Monaten in Amerika
 
Osamu Tezuka, auch be-
kannt als “der Gott des
Manga“.
eine synchronisierte Version davon ausgestrahlt wurde. Nach Tetsuwan Atom veröffentlichte ebenfalls Tezuka im Jahre 1965 die erste farbige TV-Serie Jungle Taitei (Kimba, der weiße Löwe), die ebenfalls einen so großen Erfolg wie Tetsuwan Atom hatte. Nach diesen beiden Titeln war es aber lange Zeit still um ihn.
  Tetsuwan Atom ist ein Anime, der in der Zukunft spielt, um genau zu sein im Jahre 2003. (Man   beachte, dass das Jahr 2003 noch weit in der Zukunft lag, als der Anime produziert wurde.)   Professor Tenma ist völlig verzweifelt, als sein Sohn Tobio bei einem Verkehrunfall ums Leben   kommt. Er vertieft sich in sein aktuelles Projekt und entwickelt Astro, einen Roboterjungen, der   programmiert ist, stets Gutes zu tun. Kurz danach ist er aber von seinem Projekt sehr enttäuscht,   weil sein “Ersatzjunge“ nicht wie ein richtiger Junge wachsen kann und verkauft seine Erfindung   an Hamegg, dem grausamen Direktor eines Roboterzirkus. Glücklicherweise trifft Astro aber   den gutmütigen Professor Ochanomizu, der ihn adoptiert und ihm beibringt, das Böse zu   bekämpfen. Die Handlung mag sich vielleicht ein wenig simpel und kindisch anhören, man darf   jedoch nicht vergessen, dass es einer der ersten Animes überhaupt war. Die Thematik von   Tetsuwan Atom kommt in Animes oft vor: Eine Maschine, die eine Seele besitzt (vgl.   Pinocchio). Von  Tetsuwan Atom bis zu  Saber Marionette (1995) wurde das Thema über die
 
Astro, ein Roboter, der
programmiert ist, stets
Gutes zu tun.
Beziehung von Mensch und Maschine immer wieder aufgegriffen. In Ghost in the Shell (1995) zum Beispiel zweifelt Major Kusanagi, eine weibliche Halbandroidin, an ihrer Menschlichkeit, nachdem fast ihr gesamter Körper durch Maschinen ersetzt wurde.
 

 

2.3 Die 70er Jahre – Das Jahrzehnt der Roboter (siehe auch Kapitel 4.1.1 Mecha)

Die 70er Jahre kann man als Jahrzehnt der Roboter oder Mecha bezeichnen. Das Wort “Mecha“ kommt vom englischen “mechanical“ und bedeutet soviel wie “mechanisch“. Mecha werden Animes genannt, in denen gigantische Roboter die Hauptrolle spielen. Meistens haben die Roboter, auch Mechs genannt, eine humanoide Form. Es gibt aber auch einige, die wie Tiere aussehen und andere, die normale Fahrzeuge sind, welche sich aber in Mechs verwandeln können. Mechs werden meistens von einem humanoiden Wesen gesteuert. In Mecha Animes gibt es praktisch immer eine gute und eine böse Seite, die sich bekämpfen. Ein weiteres Merkmals der Mecha ist auch das Design der Mechs: Sehr oft tragen diese einen Helm, der einem  Kabuto ähnelt.  Ein Kabuto  ist ein Helm,  der in Japan zu  Zeiten
 
Ein Mech aus Gundam Seed, der zurzeit aktuellsten
Gundam-Serie.
der Feudalära von hochrangigen Samurai getragen wurde. Es gab auch weitere Einflüsse der japanischen Kampfkunstkultur: In den Kämpfen zwischen Mechs werden meistens Waffen verwendet, die auch im Mittelalter Verwendung fanden.
Ein klassisches Beispiel für Mecha Anime sind die Gundam-Serien, die schon seit über 20 Jahren bei den Fans großen Anklang finden. Es gibt davon zahlreiche Serien, Filme und OVAs.

 

2.4 Die 80er Jahre – Das neue Zeitalter

In den 80er Jahren begann man die Handlung in Animes weiterzuentwickeln und es entstanden dabei komplexe Animes, die bei den Fans viele philosophische Diskussionen auslösten. Schon in den 70er Jahren hat man sich schon einem älteren Zielpublikum zugewendet, da dieses auch immer mehr und mehr erwachsen wurde. Es entstanden viele neue Genres, die Animationstechnik wurde verbessert und viele neue Talente versuchten ihre Werke an den Mann zu bringen.
1981 kam die erste animierte  Version  von  Urusei Yatsura  (Those Obnoxious Aliens)  auf den Markt,  das auf dem

  berühmten Manga von Rumiko Takahashi basiert, einer Autorin, deren Werke heute   Millionen von Zuschauern begeistern.
  Urusei Yatsura ist die Geschichte eines jungen und faulen Gymnasialschülers namens Ataru   Moroboshi, der gezwungen wird, eine Alienprinzessin mit dem Namen Lum zu heiraten. Es ist   eine Liebesgeschichte mit absurdem Humor und fantastischen Situationen verbunden mit   Science Fiction, an dem sich später noch zahlreiche andere Animes orientieren werden.   Urusei Yatsura war übrigens so erfolgreich, dass davon noch eine OVA und insgesamt 6   Kinofilme produziert wurden.
  Die allererste OVA war Dallos (1983) von Mamoru Oshii, einem Talent, das auch an der   Produktion von Urusei Yatsura maßgeblich beteiligt war. Später produzierte Mamoru Oshii   Werke wie Mobile Police Patlabor, Ghost in the Shell, Jin-Roh oder sogar Kinofilme wie   Avalon.
Die Hauptcharaktere aus Urusei
Yatsura und Ranma 1/2. Links
in der Mitte ist Ataru Moroboshi
zu sehen.
Im März 1984 veröffentlichte Hayao Miyazaki den Film Kaze noTani no Nausicaä (Nausicaä of the Valley of the Wind), der in den Augen vieler Fans der beste Anime ist, der je produziert wurde. Hayao Miyazaki, der übrigens der Zeichner von Alps no Shojo Heidi (Heidi) ist, gehört sowohl in Japan, als auch weltweit zu den besten und bekanntesten Animeproduzenten.
1987 wurde der Science Fiction-Anime The Wings of Honneamise von Gainax produziert, einem Studio, das die Fans immer wieder mit ausgefallenen Ideen begeistert.
1988 produzierte Katsuhiro Otomo den Anime Akira. Im Vergleich zu den bisherigen Animes, hatte Akira einen sehr düsteren und reifen Stil kombiniert mit spektakulären Animationen. Daher konnte er das Interesse vieler Nichtjapaner für die Welt der japanischen Animation wecken.
1989 war das Todesjahr von Osamu Tezuka. Er starb einige Wochen nach dem japanischen Kaiser Hirohito, dessen Tod beim japanischen Volk große Trauer ausgelöst hatte. Erstaunlicherweise löste Tezukas Tod eine fast genauso große Trauer aus. Viele ausländische Journalisten kamen zu dieser Zeit nach Japan, um über die Beerdigungsfeier des bekanntesten Mangazeichners zu berichten.
 
 Akira: Der düstere Stil dieses Animes ist
 deutlich erkennbar.

 

2.5 Die 90er Jahre – Animes erobern die Welt

Die 90er Jahre waren das Jahrzehnt, in dem ein Grossteil der bisher erschienen Animes produziert wurde und in dem sich die Fangemeinde auf der ganzen Welt explosionsartig vermehrt hat.

  Mit der Zunahme der Fans nahmen aber auch dessen Erwartungen zu. Um sich diesen   Erwartungen anzupassen, produzierten die Studios Titel mit komplexeren Geschichten   wie z.B. Shinseiki Evangelion (Neon Genesis Evangelion) oder Serial Experiments   Lain, die die volle Aufmerksamkeit des Zuschauers erfordern, da dieser sonst sehr   schnell den Faden verlieren würde.
  Anfang der 90er kam es auch das erste Mal zur Verschmelzung zwischen Shoujo- und   Shounen-Animes. Mit Ranma ½ von Rumiko Takahashi (Urusei Yatsura) entstand   eine Serie, die sowohl die bei den Mädchen so beliebten Shoujo-Elemente, als auch   actionreiche Shounen-Elemente beinhaltete. Mit der Vermischung dieser zwei   traditionellen Genres konnte also ein viel größeres Publikum angesprochen werden. Viele   Produzenten erkannten das Potential dieses neuen Genres und folgten dem Beispiel von   Ranma ½. So enstanden Serien wie Tenku no Escaflowne (The Vision of   Escaflowne) oder Inuyasha, die ebenfalls sehr erfolgreich waren und es noch heute   sind.
 Neon Genesis Evangelion ist wohl
 die erfolgreichste Serie von Gainax.
Die 90er Jahre waren vom großen Einsatz der Computertechnik (siehe auch Kapitel 5.1 Der Gebrauch von Computer) geprägt. Immer öfters wird bei der Produktion von Animes auf die Hilfe von Computern zurückgegriffen, die die Arbeitszeit erheblich verkürzen. Leider ist es nicht selten der Fall, dass bei vielen Animes die Computertechnik zu oft eingesetzt wird und die Qualität der Animes auf Grund dessen negativ beeinflusst wird. Ein gutes Beispiel dafür ist Blue Submarine No. 6: Durch den übermäßigen Einsatz von Computeranimationen wurde ein Anime geschaffen, der animationstechnisch überhaupt nicht zu überzeugen vermag. Dennoch konnte der Anime durch seine philosophische Geschichte einen gewissen Erfolg verbuchen.
 
 Eine computeranimierte Szene aus Blue  Submarine No. 6.


 


いぜん           ほむ           ねくすと