Geschichten
Die Wahrheit

Der Baalschem sprach: " Was bedeutet das, was die Leute sagen: `Die Wahrheit geht über die ganze Welt?`Es bedeutet, dass sie von Ort zu Ort verstossen wird und weiterwandern muss."
(aus Martin Buber: Die Erzählungen der Chassidim. Manesse, 87)
 

Die Bekehrung des Knaben

Rabbi Aaron kam einst in die Stadt, in der der kleine Mordechai, der nachmalige Rabbi von Lechowitz, aufwuchs. Dessen Vater brachte ihm den Knaben und klagte, dass der im Lernen keine Ausdauer habe. "Lasst ihn mir eine Weile hier", sagte Rabbi Ahron. Als er mit dem kleinen Mordechai allein war, legte er sich hin und bettete das Kind an sein Herz. Schweigend hielt er es am Herzen, bis der Vater kam. "Ich habe ihm ins Gewissen geredet", sagte er, "hinfort wird es ihm an Ausdauer nicht fehlen."
Wenn der Rabbi von Lechowitz diese Begebenheit erzählte, fügte er hinzu: "Damals habe ich gelernt, wie man Menschen bekehrt."
(aus: Martin Buber: Die Erzählungen der Chassidim. Manesse, 87)
 

 Vom Mut eine Probe zu wagen

Ein König stellte für einen wichtigen Posten den Hofstaat auf die Probe. Kräftige und weise Männer umstanden ihn in großer Menge. »Ihr weisen Männer«, sprach der König, »ich habe ein Problem, und ich möchte sehen, wer von euch in der Lage ist, dieses Problem zu lösen. « Er führte die Anwesenden zu einem riesengroßen Türschloss, so gross, wie es keiner je gesehen hatte. Der König erklärte: »Hier seht ihr das grösste und schwerste Schloss, das es in meinem Reich je gab. Wer von euch ist in der Lage, das Schloss zu öffnen?« Ein Teil der Höflinge schüttelte nur verneinend den Kopf. Einige, die zu den Weisen zählten, schauten sich das Schloss näher an, gaben aber zu, sie könnten es nicht schaffen. Als die Weisen dies gesagt hatten, war sich auch der Rest des Hofstaates einig, dieses Problem sei zu schwer, als dass sie es lösen könnten. Nur ein Wesir ging an das Schloss heran. Er untersuchte es mit Blicken und Fingern, versuchte, es auf die verschiedensten Weisen zu bewegen und zog schließlich mit einem Ruck dann. Und siehe, das Schloss öffnete sich. Das Schloss war nur angelehnt gewesen, nicht ganz zugeschnappt, und es bedurfte nichts weiter als des Mutes und der Bereitschaft, dies zu begreifen und beherzt zu handeln. Der König sprach: »Du wirst die Stelle am Hof erhalten, du verlässt dich nicht nur auf das, was du siehst oder was du denn hörst, sondern setzt selber deine eigenen Kräfte ein und wagst eine Probe."
(aus: N.Peseschkian: Der Kaufmann und der Papagei.  FischerTB,1980, S.15)

Der Philosoph

Ein Philosoph, der sich mit Nasruddin zum Disput verabredet hatte, kam zum Haus und musste feststellen, dass er ausgegangen war. Voller Wut nahm er ein Stück Kreide und schrieb "Dummer Trottel" an Nasruddins Tür. Als er heimkam und das sah, lief der Mullah eilends zum Haus des Philosophen.""Ich hatte vergessen", sagte er, "dass du vorbeikommen wolltest. Und entschuldige mich, dass ich nicht zu Hause war. Natürlich erinnerte ich mich sofort an die Verabredung, als ich sah, dass du deinen Namen an meiner Tür hinterlassen hattest."  (Sufi)
(aus: Kornfield,J./Feldmann,C.: Geschichten, die der Seele gut tun. Herder,1998, S. 105/6)

Der Pass
Der Pass ist der edelste Teil von einem Menschen. Er kommt auch nicht auf so einfache Weise zustand wie ein Mensch. Ein Mensch kann überall zustandkommen, auf die leichtsinnigste Art und ohne gescheiten Grund, aber ein Pass niemals. Dafür wird er auch anerkannt, wenn er gut ist, während ein Mensch noch so gut sein kann und doch nicht anerkannt wird."
(B.Brecht: Flüchtlingsgespräche)

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