Provisorische Thesen zur IP-Identität

Werner Kaiser

In: SGIPA (Hg.): Individualpsychologische Identität, Zürich, 1999

Ich habe alle Vorträge intensiv mitverfolgt. Ich habe mit beiden Ohren hingehört, was sie zur Fra­ge einer schweizerischen IP-Identi­tät zu sagen hatten. Ich werde nun eine Synthese versuchen, nicht im Sinn einer abschliessenden Ant­wort, sondern im Gegenteil als An­regung zur Diskussion.

1. Was bedeutet Identität?

Die IP ist kein Glaubenssystem. Adler ist kein Religionsgründer. Eine IP-Identität haben bedeutet nicht, dass wir an die Lehren Ad­lers zu glauben haben wie an die Lehre einer Kirche.

Eine IP-Identität haben bedeu­tet auch nicht, dass wir uns im Recht und die andern im Unrecht sehen. Wir denken, wie Prof. Nico­lay sagte, "aspektiv": wir sehen einen Teilaspekt der Realität als (für uns) besonders bedeutsam an.

Adler hat aus der unendlichen Fülle von möglichen Aussagen über die menschliche Seele ein paar

wichtige Aspekte hervorgehoben, hat also Akzente gesetzt. Adle­rianer sind Leute, welche sich aufgrund dieser gemeinsamen Ak­zentsetzung zusammentun, um miteinander zu lernen und gegebenenfalls zu wirken.

Innerhalb der gemeinsamen Ak­zente darf es auch verschiedene Ausprägungen geben.

2. Der Ist-Zustand

Es ist nicht zu leugnen, dass es innerhalb der schweizerischen IP so etwas wie zwei Richtungen gibt. Leicht vereinfacht, könnte man sa­gen:

- Die Beraterinnen richten sich mehr nach Dreikurs, die Thera­peutinnen mehr nach der Psychoanalytischen Richtung.

- Die Beraterinnen legen mehr Wert auf praktische Verwend­barkeit, die Therapeutinnen (auch unter dem Druck der An­erkennungsfragen) mehr auf wissenschaftliche Absicherung.

- Die Beraterinnen sprechen vor­wiegend die historische Sprache Adlers, die Therapeutinnen eher die Sprache der Psychoanalyse.

- Die Beraterinnen haben eher Tendenz, Werte zu vermitteln, die Therapeutinnen achten eher auf analytische Neutralität.

Bei solchen Differenzen gibt es drei Möglichkeiten:

- man spaltet sich (bisher in psy­chologischen Schulen üblich) 

- man lässt den einen oder den andern Pol fallen (das wäre Ver­armung)

- man findet gemeinsam einen neuen, dritten Weg.

3. Wir und die Psychoanalyse

Die Polarisierung Freud-Adler war wohl schon damals unnötig; die beiden Positionen hätten sich ergänzen können. Heute gibt es in der Psychoanalyse Richtungen, die unsern Positionen sehr nahe sind. Die Polarisierung erübrigt sich nun völlig.

Da wir das Konzept des dynami­schen Unbewussten in unserer Akzentsetzung haben, ist unser Platz nahe bei der Psychoanalyse.

Die Frage, ob wir ein Teil der Psychoanalyse sind, ist eher eine Fra­ge der Wortwahl. Der Klarheit halber ist wohl besser zu sagen, wir sind ein Teil der Tiefenpsychologie.­

Innerhalb dieser Tiefenpsychologie vertreten wir spezielle Akzente. Dazu gehören unter anderem: 

- die Selbstwertthematik (Dynamik Minderwertigkeitsgefühl - Kompensation)

- die Bedeutung der sozialen Aspekte ("Gemeinschaftsgefühl") 

- die Bedeutung von Prävention und Erziehung

- der finale Gesichtspunkt

- die Betonung der Gleichwertigkeit (auch im Therapie- und Beratungssetting) 

- der gesellschaftskritische Ansatz

Diese Aspekte sind nicht unser Eigenbesitz, den wir sorgsam hüten müssten (das wäre IP-widrige Sicherung). Wir sind uns bewusst, dass andere Richtungen sie auch kennen und zum Teil sogar differenzierter ausgearbeitet haben.­

Das hindert uns nicht, diese Aspekte bevorzugt zu pflegen und zu brauchen.

4. Wir und die Dreikurs­ichtung

Es ist unleugbar, dass fast alle Initiative, die unsere Gesellschaft begründete, aus persönlicher Be­troffenheit und aus begeistertem Engagement für eine einfache, lebenspraktisch ausgerichtete IP, wie sie in den ICASS I- Kursen gelehrt und gelebt werden, hervorging. Grundlegende Impulse kamen und kommen aus dieser Richtung. Wenn wir diesen Pol zurückstellen wollten, zehrten wir an unserer Substanz. 

Die Pädagogik und andere prak­tische Anwendungsfelder gehen von den gleichen Grundlagen aus wie die Psychotherapie, brauchen aber oft eine andere Ausgestaltung.Es kann sein, dass dafür die Dreikurs - Variante geeigneter ist als die psychoanalytische.

Die Dreikurs - Richtung, wie sie bei uns verwirklicht wird, erscheint oft als eine vereinfachte, praxisnä­her aufgearbeitete Methodik. Dies darf nicht abgewertet werden. Es kann durchaus berechtigt sein, eine Theorie so aufzuarbeiten, dass sie leicht praktizierbar ist.

Es ist aber Skepsis angebracht gegen allzu grosse Vereinfachun­gen, gegen technologisches Den­ken und gegen Machbarkeits­glauben, wie er uns gelegentlich in amerikanischen Ausprägungen entgegen kommt.

Auch eine praxisnahe, einfache­re Ausgestaltung der IP muss den Anwendern in der Ausbildung fundiert und differenziert vermittelt werden. Auch Vertreter dieser Form müssen sich intensiv mit der theo­retischen Fundierung dieser Form befassen und fähig sein, sie in ei­ner allgemein kommunizierbaren Form in den psychologischen Dis­kurs einzugeben.

Ein entsprechendes breites the­oretisches Hintergrundwissen ist für alle, die dozieren (auch wenn sie Praxis dozieren), unverzichtbar.

5. Wir und die akademische Psychologie

Adler steht, wie wir im Vortrag von Prof. Nicolay gehört haben, mit seinen Konzepten gut da in den Ergebnissen der empirischen For­schung. Die Betonung der sozialen Natur des Menschen, die Bedeu­tung von Bindung und sozialer In­tegration werden heute gross ge­schrieben. Das darf uns freuen.

Es soll uns ermuntern, die For­schungsergebnisse aufzunehmen, uns mit ihnen auseinanderzusetzen, daran mitzuarbeiten, unsere Theorie damit zu bereichern, un­sern Unterricht damit breiter abzustützen.

Es soll aber nicht vergessen wer­den, dass Adler aufgrund seiner Beobachtungsfähigkeit und seiner Intuition in gewissen Fragen einen fast 80-jährigen Vorsprung auf die akademische Psychologie hatte. Die akademische Psychologie weist zwar grössere Sicherheit und grös­sere Differenzierung auf als Alfred Adler; Aufgabe freier psychologi­scher Institute wie des unsrigen aber könnte es sein, weiterhin neue Impulse in den wissenschaftlichen Diskurs zu bringen, Gebiete aufzu­greifen, welche die Forschung (noch) vernachlässigt.

Eine allgemeine Psychologie in dem Sinn, dass das Wissen aller Schulen zusammengelegt wird, ist wohl anzustreben. Das ist aber kein Grund, uns und die andern nicht­universitären Institutionen aufzulö­sen, wie das gelegentlich gefordert wird. Universitäts - unabhängige In­stitute und Einzelkämpfer wird es immer brauchen, um Akzente zu setzen und innovative Impulse zu geben.

6. Die IP als offene Theorie

Die Individualpsychologie er­hebt nicht den Anspruch, mit ihrer Theorie alles Psychische zu erklä­ren.

Der geringe Differenzierungs­grad der IP kann als Mangel gese­hen werden, den wir aufzuholen haben. Er hat aber auch den Vor­teil der grösseren Integrationsfä­higkeit:

- Er erlaubt grössere Offenheit in Richtung einer allgemeinen Psy­chologie.

- Er erlaubt verschiedene Ausge­staltungen der gemeinsamen Akzentsetzung.

Der geringe Differenzierungs­grad der IP führt natürlicherweise dazu, dass mehrere Ausgestaltun­gen der IP entstehen. Einige gibt es bereits:

- die IP als Psychoanalyse (Deutsch­land)

- die IP als kognitive Lebensstilar­beit (Dreikurs)

- die IP als körperorientierte Rich­tung (Kummer, Heisterkamp)

- die IP als systemische Theorie (Branke)

- die IP als Humortherapie (Titze).


Nicht die konkrete Ausgestaltung macht unsere Identität aus, son­dern die gemeinsamen Akzente innerhalb der psychologischen Landschaft.

7. Welche Sprache wollen wir sprechen?

Adlers Sprache ist eine histori­sche. Abgesehen von einigen Aus­drücken, die in die Allgemeinspra­che eingegangen sind (Minderwer­tigkeitsgefühl, Kompensation), ist sie für den Diskurs in der Öffentlichkeit und im Umgang mit Klien­ten nicht mehr geeignet. Viele ih­rer Ausdrücke sind missverständlich (Lebensstil, Gemeinschaftsgefühl, männlicher Protest usw.).

Die Sprache der Psychoanalyse ist ebenfalls eine historische Spra­che. Die meisten PsychoanalytikerInnen brauchen sie weiter; sie brauchen den "Sexualjargon" oft selbst dann, wenn sie nichtsexu­elle Phänomene beschreiben. Wir brauchen das nicht mitzumachen. Wir reden nicht von Kastration, wenn es um die Bedrohung des Selbstwertes geht. Wir nennen un­sere Eltern nicht Objekte. Wir be­nützen die psychoanalytischen Ausdrücke, die sich allgemein ein­gebürgert haben. Bei den übrigen begnügen wir uns, sie zu kennen.

Die Sprache der akademischen Psychologie wird sich in Fachkrei­sen weiter durchsetzen. Wir müs­sen sie unbedingt kennen. Die wichtigsten Fachausdrücke sollen auch in der Ausbildung weiterge­geben werden. Aber wir sind nicht verpflichtet, den Dünkel einer durchakademisierten Sprache mitzumachen. Adlers Auffassung, möglichst verständlich zu sprechen, dürfen wir teilen: die Begriffe müs­sen allerdings klar und für andere nachvollziehbar sein.

Kurz: die Adlerschen Begriffe halten wir als identitätsstiftend in Ehren; die Spezialistensprachen wollen wir kennen, um im allge­meinen Diskurs mitzuhalten; mit unsern Klienten sprechen wir mög­lichst die Alltagssprache.

8. Folgerungen

- Wir wollen uns nicht mit einer dogmatischen Lehre und tradi­tionsgebundenen Sprache in ei­nen elfenbeinernen Turm ein­schliessen.

- Wir wollen keine kleinlaute Stim­mung aufkommen lassen. Dass wir in der Öffentlichkeit aner­kannt sind, ist wichtig. Aber noch wichtiger ist uns die Über­zeugung, dass wir mit unseren Werkzeugen einen Beitrag zur menschlichen Gesellschaft lei­sten können.

- Wir sollten anerkennen, dass es die zwei Hauptrichtungen gibt, von denen ich anfangs gespro­chen habe. Wir sollten es nicht vertuschen. Wir sollten sie aber nicht gegeneinander ausspielen, sondern sie als ein kreatives Spannungsfeld ansehen und es in diesem Sinn auswerten.

- Wir müssen uns mehr als bisher anstrengen, die neuen Erkennt­nisse anderer Tiefenpsychologien
und der akademischen For­schung kennen zu lernen und in unsere Konzepte einzubauen, soweit das sinnvoll ist.

- Kein/e Dozent/in darf ein Fach­gebiet lehren, ohne diese neu­en Erkenntnisse zur Kenntnis genommen und in ihre Darlegun­gen integriert zu haben. Wer es noch nicht getan hat, sollte da­mit beginnen.

- Die vielen Gedanken, die wir in diesen Vorträgen gehört haben, müssen jetzt verarbeitet, disku­tiert und im Sinne einer gemein­samen Identität formuliert wer­den. Daraus kann dann das Leit­bild des AAI entstehen, das auch den Lehrplänen unserer Aus­bildungsgänge mehr Konsistenz und Charakter geben wird.

- Im Zentrum unseres gemeinsa­men Wirkens, vor allem auch der Ausbildung, sollen die gemein­sam formulierten Akzente ste­hen. Ausgestaltungen gehören auch dazu, müssen aber als sol­che deklariert werden.

- Speziell muss aufgrund der Re­sultate der Identitätsdiskussion entschieden werden, ob und in welcher Form weiterhin Thera­peutinnen und Beraterinnen ge­meinsam unterrichtet werden können.

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